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Samstags ist Wochenmarkt in Heide, auf dem größten Marktplatz Deutschlands. Es ist in der Tat ein riesiger, unbebauter Platz mit 4, 7 Hektar. Das sind 47.000 Quadratmeter, ein Fußballfeld hat 7.140 Quadratmeter – der Marktplatz ist also etwas größer als 6 Fußballfelder. Während der Woche ist das der größte Parkplatz der Umgebung … Hübsch ist anders.

Aber Samstag ist Markt und der ist toll.

Es gibt Fisch: Scholle und Kabeljau, Rochenflügel (was macht man damit?) und hab-ich-vergessen-aber-total-lecker-Fisch mit Gräte und ohne Haut, Büsumer Krabben und Matjes, Fischbrötchen für auf die Hand und Räucherfisch und Brathering für zu hause. Es gibt Fleisch vom Galloway und Maishühnchen, Bison und Ziege, Wurst und Sauerfleisch und Sülze. Es gibt Käse: den salzigen Michel (ist nicht mehr viel übrig vom heutigen Einkauf), alten und jungen Deichkäse, Käse von Ziege und Schaf und Kuh. Es gibt Gebäck: Butterkuchen (ich sage nur: Butterkuchen!), Friesenschnitten und Stuten. Es gibt Eier und Honig und Oliven.

Und es gibt Gemüse. Gemüse frisch vom Hof. Möhren und riesige Kohlrabi, Kopfsalat für eine Großfamilie, schneeweißen Blumenkohl, gelbe Wachs- und grüne Schnippelbohnen, Porree und rote Bete in allen Farbvariationen.

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Die Sensation aber ist der Kohl: der feinste Spitzkohl und riesige Weißkohlköpfe, rustikaler Wirsing und fester Rotkohl. Frisch geerntet, keine 20 Kilometer transportiert.

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Kohl, Kohl, Kohl. Köpfe so groß wie Fußbälle. Fünf Kilo schwer war der, den wir heute gekauft haben – eine Woche Kohlgerichte für zwei! Kohlrouladen und Jägerkohl, Krautsalat deutsch und asiatisch, Kohlgemüse und Kohllasagne. Wir schwelgen in Kohl.

Geht man dann noch um die Ecke zum “non food”, findet man holländische und dänische Lakritz, Salmiakpastillen und Knöterich-Bonbons, Gürtel und Hüte und CDs und Handtaschen und Messer. Und Hühner, lebende, gackernde, krähende Hühner und Hähne.

Ich liebe den Wochenmarkt!

Ein paar Kilometer nördlich von Tellingstedt gibt es im Ort Lunden einen Geschlechterfriedhof – ja, genauso haben wir auch geguckt. Einen was? Wir haben ihn erkundet.

An der Sankt Laurentiuskirche mitten im Ort liegen 67 Gräber mit beeindruckend großen Grabplatten und einigen Stelen. Erhalten sind auch einige Grabkeller.

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Hier wurde natürlich nicht Hinz und Kunz beerdigt, sondern die Mitglieder der alten Dithmarschen Bauerngeschlechter. Das waren mächtige Männer während der Dithmarschen Bauernrepublik im Mittelalter. Vom 13. Jahrhundert an bis 1559 gehörte Dithmarschen zwar zum Erzbistum Bremen, aber der Einfluss war so gering, dass sich eine eigene Führungsschicht aus den reichsten Bauern herausbildete: den Bauerngeschlechtern. Aus dieser Zeit heißt es “Dithmarscher, das sind keine Bauern, das sind Herren”.

Die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht schaffte große Vorteile. Schutz und Sicherheit wurden geboten, bei Fehden half man sich, schwor auch Meineide für die Mitglieder des eigenen Geschlechtes. Verwandtschaft war nicht unbedingt die Voraussetzung für die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. Mangelte es an eigenen Männern, nahm jedes Geschlecht auch familienfremde Männer auf.

Die Familien beanspruchten und behaupteten Führungspositionen im Rat, setzten sich durch reiche Kleidung und üppig ausgestattete Häuser von der Allgemeinheit ab und wollten natürlich auch im Tode noch eine besondere Stellung haben. Darum wurde auf dem Lundener Friedhof ein eigener Bereich für die Geschlechter bereitgehalten, kein Knecht, keine Magd wurde hier beerdigt.

Große Namen aus der Dithmarschen Geschichte haben hier ihre Ruhestätte. Allen voran Peter Swyn, Ratsherr und Mitstreiter bei der Schlacht bei Hemmingstedt im Jahr 1500, aber auch ein Mann der Blutrache. In einer Familienfehde verletzte er einen Prediger so schwer, dass dieser später starb. Eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela diese Todsünde tilgen – im Jahr 1522 war das gewiss ein gewaltiges Unterfangen.

Im Zusammenhang mit der Reformation kam es in Lunden und Heide zu Machtkämpfen zwischen den Geschlechtern, die in blutigen Fehden gipfelten. Vierzehn Tote waren zum Schluss zu beklagen, unter ihnen auch Peter Swyn.

Die Geschichte des Lundener Geschlechterfriedhofs ist mit Informationstafeln gut erklärt. Es lohnt sich, ihm einen Besuch abzustatten.