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1964 02Psst! Ich verrate Euch ein Geheimnis! Die da ihre Puppe so fest drückt und ganz erstaunt auf den Gabentisch guckt, das ist mein Mensch!

Tja, lieber Waschbär, auch Menschen haben klein angefangen. Das ist 1964 in der Wohnung in der Martin-Luther-Straße. Umgezogen in das Haus in der Humboldtstraße sind wir erst zwei Jahre später. Man sieht die Dachgeschosswohnung - schräge Wände. Und man sieht, dass es keine Zentralheizung gab: mein Bruder Klaus und ich sind in dicke Pullover verpackt.

Ich habe noch Foto gefunden: schräge Wände, der gleiche Baum. Aber mein Mensch fehlt!

1956 Weihnachten 002Das ist 1956, da war von mir noch nicht die Rede. Meine Mutter hat meinen Bruder Klaus auf dem Arm.

Der Stolz meiner Mutter waren die silbernen  Kugeln am Weihnachtsbaum. Es gab zum einen Kugeln: ganz blanke und solche mit Schneestaub, geprägte und mit aufgedruckten Sternen. Außerdem silberne Walnüsse und Glocken. Jedes Jahr auf’s Neue wurden die Kugeln und Nüsse und Glocken wieder aus den  Verpackungen geholt. Der Weihnachtsbaumschmuck hat sich seit 1956 kaum verändert.

Da ist mein Mensch wieder: aber schon größer. Und sie hat irgendwas im Arm - aber keinen Waschbären!

1973 001Keine Eifersüchteleien, bitte!

Das ist 1973. Mittlerweile wohnen wir im Haus und ja, gewachsen sind wir beide auch, aber der Baumschmuck ist immer noch der Gleiche. Allerdings fehlt jetzt das Lametta und die echten Kerzen sind ersetzt durch elektrische. Noch vor wenigen Jahren wurde der Baum noch genauso geschmückt, fast 60 Ehejahre meiner Eltern hat der Schmuck überdauert.

Lametta war viele Jahre ein Muss. Es wurde Jahr für Jahr mühsam aus dem Baum geklaubt, so gut es ging, gebügelt und fein säuberlich wieder in der Verpackung versorgt. Bis zum nächsten Jahr … Irgendwann haben wir dann gestreikt, die Stanniol-Streifen aus den Zweigen zu friemeln war einfach zu mühsam. Geschenkpapier wurde übrigens genauso "recycled". Fein zusammengefaltet, gebügelt und weggelegt bis zum kommenden Weihnachtsfest. Daran sollte mal wieder anknüpfen.

Pia und Fiat_FBZurück zu 1964: Das schwarze Kissen auf dem Tisch ist ein Autokissen - ein Weihnachtsgeschenk für meinen Vater. Meine Mutter hat es bestickt mit Autokennzeichen und einem Auto drauf. Es wurde stolz in unserem roten 500er Fiat im Rückfenster präsentiert. Bis uns ein Depp 1966 den hübschen kleinen Wagen kaputtgefahren hat. Da war es dann leider für viele Jahre aus mit einem Auto.

Hinten rechts auf dem Weihnachtsfoto sieht noch man meinen Kaufladen. Ein Erbstück von einer Kusine, mein Glück war es, wenn er zu jedem Weihnachtsfest neu gefüllt wurde. Mit Puffreis, Marzipankartoffeln, vielen leeren Schächtelchen und Spielgeld. Von mir ging er dann ein paar Jahre später weiter an die nächste Generation Kusinen.

Fest im Arm habe ich mein Pummelchen (die gibt es immer noch), eine Babypuppe, die vermutlich neu eingekleidet wieder unterm Weihnachtsbaum saß. Auf wundersame Weise verschwanden Jahr für Jahr meine beiden Puppen in der Adventszeit und tauchten mit gestrickten Mäntelchen und Röckchen und Mützchen wieder auf. Die Engelchen waren fleißige Strickerinnen - unterstützt von Mutti und Oma.

Auf dem zweiten Foto sieht man den modernsten Teil unseres Haushaltes deutlicher: ein Radiogerät mit magischem Auge. Ein runder kleiner Leuchtschirm zeigte an, wie gut man den Radiosender getroffen hat: war der ganze Kreis mit Farbe gefüllt, hatte man genau die Frequenz getroffen und der Sender kam fast ohne Rauschen an. Je mehr es waberte oder je mehr schwarz war, desto schlechter war die Qualität. Für mich war das ein faszinierender Gegenstand und mit meinen drei, vier Jahren war ich sehr erpicht darauf, einen neuen Sender einstellen zu dürfen. Ich kannte auch die Tasten für Kurz-, Mittel- und Langwelle und habe ganz vorsichtig an den großen Knöpfen gedreht, bis das magische Auge mir angezeigt hat, dass ich den Sender getroffen habe.

Dieses Radio spielte eine ganz wichtige Rolle am Heiligen Abend. Wir hörten jedes Jahr Radio Norddeich mit den Weihnachtswünschen an die Seeleute in aller Welt. Heiligabend ohne Radio Norddeich wäre gewesen wie Heiligabend ohne Weihnachtsbaum - ging ja gar nicht. Wir waren sehr traurig als Radio Norddeich 1998 seinen Dienst eingestellt hat. Ich habe das sehr vermisst: “Radio Norddeich ruft Motorschiff ‘Gesine’ auf dem Weg nach Singapur!”

Was gab es zu Essen? Kleine Schnitzel und Frikadellchen, geräucherter Aal, Silberzwiebeln und eingelegte Gürkchen, Remoulade und Tomatenmark - angerichtet wie ein Buffett im Vier-Sterne-Hotel. Zumindest kam es mir sehr luxuriös vor. Es gab kleine Cocktail-Gäbelchen und silberfarbene Platten und Papierservietten und jeder durfte sich nehmen, was er wollte. Ein Luxus!

Dem Waschbär sei Dank für das Heraussuchen der alten Fotos.

20181105_222548Heute ist St. Martin. Ich habe eine Laterne und ein Lied habe ich auch gelernt: “Rabimmel Rabammel Rabumm” – das gefällt mir! Den Martin kenne ich ja: Pferd und Mantel und so. Aber was ich nicht versteh’ ist das mit der Gans. Wieso gibt es zu Martin eine Gans? Erklär doch mal, Mensch!

Martinsgans gibt es bei uns nicht, ich halte es eher mit den Stutenkerlen. Tradition ist es aber schon mit der Gans. Es gibt verschiedene Erklärungen, wieso zu St. Martin eine Gans auf den Tisch kommt.

Martini, der Martinstag am 11. November, war in früheren Zeiten das Ende des Pachtjahres. An diesem Tag mussten die Bauern an ihre Lehnsherren, an die Klöster und Abteien oder einen Adeligen ihren Zins zahlen. Dazu gehörten immer auch Naturalien und Geflügel war damals kostbar. Die Gans war besonders begehrt. Davon wurde eine Familie satt, die Federn konnten zu Schreibgeräten und zu Bettfüllungen verarbeitet werden.

Eine andere Erklärung ist, dass an Martini auch das Gesinde häufig die Stelle wechselte. Irgendjemand hat geschrieben, dass der Bauer sie dann häufig mit einer Gans beschenkte – das finde ich nicht sehr glaubhaft. Das wäre für einen, der gerade umzieht zu einer neuen Stellung, ein sehr unpraktisches Geschenk gewesen – soll die Gans mitlaufen oder soll man sie auf dem Weg braten? Wer seinen Knechten und Mägden Gutes tun wollte, hat sicherlich auf Geld oder auf Kleidung zurückgegriffen.

Glaubwürdiger finde ich die dritte Variante: Der Martinstag ist genau 40 Tage vor Weihnachten, die man eigentlich (!) fastend und in Erwartung des Christtages verbringen sollte. Vor der langen Fastenzeit hat man sich nochmal an einem guten Schmaus gütlich getan. Da die Gänse im November am fettesten sind, kamen sie besonders häufig auf den Tisch (aber wohl nur bei den Begüterten).

Und eine Legende gibt es natürlich auch noch: Der heilige Martin von Tours sollte Bischof seiner Stadt werden. Das wollte der aber nicht und versteckte sich in einem Gänsestall. Er hielt sich nicht für würdig, ein so hohes Amt anzunehmen. Die aufmerksamen Gänse fanden den fremden Gast aber sehr verdächtig und schnatterten laut – wodurch sie den Heiligen verrieten. Und weil das ungehörig ist, einen Heiligen zu verraten, werden sie seitdem an seinem Namenstag geschlachtet.

Wir wünschen Euch allen einen schönen Martinstag mit Stutenkerl oder Gans und viel “Rabimmel Rabammel Rabumm”!

Euer Waschbär mit Mensch