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20190531_095724Den morgenblic bî wahtaeres sange erkôs
ein vrouwe, dâ si tougen
an ir werden vriundes arm lac.

Das ist ein Minnelied von Wolfram von Eschenbach. Um 1220 hat er dieses pikante Lied gedichtet. Auf Neu-Hochdeutsch lautet das so:

Den ersten Morgenstrahl, als der Wächter sang,
nahm eine Dame wahr, als sie heimlich
in den Armen ihres edlen Freundes lag.

Wir haben ihn besucht, den Dichter. Oder zumindest seine Gedenktafel im Heimatort Eschenbach, das sich seit 1917 (oder nach anderen Quellen seit 1912) “Wolframs-Eschenbach” nennen darf. Das hübsche Fachwerk-Örtchen liegt im Fränkischen, 10 km nördlich vom Altmühlsee und 20 km südlich von Ansbach.

Der Ort wurde um 1060 das erste Mal urkundlich erwähnt. Anfangs war es eine Besitzung der Bischöfe von Eichstätt, wechselte dann mehrfach den Besitzer und wurde schließlich 1220 dem Deutschen Orden geschenkt. Ich weiß nicht, wie sich die Bewohner gefühlt haben, als man sie so mir-nichts-dir-nichts verschenkt hat. Gefragt hat sie gewiss keiner.

Aber der Deutsche Orden entwickelte den Ort weiter, baute viel und sorgte dafür, dass Eschenbach zu einem wichtigen regionalen Handelsplatz wurde. Das Liebfrauenmünster geht genauso auf die Baumeister des Ordens zurück wie einige der älteren Fachwerkhäuser.

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Wenn man die noch komplett erhaltene Stadtmauer mir ihren vielen Türmen umschreitet und durch die mächtigen Tore in die Stadt geht, erwartet man tatsächlich, dass gleich ein Ritter um die Ecke reitet.

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Der berühmte Sohn der Stadt, Wolfram von Eschenbach, ist hier oder in einem Dorf in der Nähe geboren. Rittergeschlechter gab es in Eschenbach zwar nicht, aber Wolfram spricht von sich selber als “ritterbürtig”.

Neben Minneliedern und Auftragsliedern zum Ruhm und Lob verschiedener Herren dichtete er den “Parzival” – oder genauer: dichtete ihn in alt-hochdeutscher Sprache nach. Das Werk beruht auf einem französischen Stück. Wieviel original von Wolfram ist und wieviel er übernommen hat, weiß man nicht.

Der Parzival ist eine Geschichte von Rittertum, Aventüren (Ritter-Abenteuern), Liebeshändel, Missverständnissen, der Artus-Runde und der Suche nach dem Heiligen Gral. Wunderbar gelesen und erklärt wird der Parzival von Peter Wapnewski. Eine Kurzfassung für die ganz Eiligen gibt es auf YouTube bei Sommers Weltliteratur to go.

Aber auch ohne den Parzival ist Wolframs-Eschenbach ein sehenswertes Städtchen. Das Liebfrauenmünster ist eine der frühesten gotischen Hallenkirchen in Deutschland. Das heißt, dass das Hauptschiff in der Mitte und die beiden Seitenschiffe gleich hoch sind.

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Teile des Turmes gehen auf den Vorgängerbau von 1019-1075 zurück, der Chor wurde vom Deutschen Orden 1250 und das Langhaus 1300 errichtet. Der spitze Turmhelm war das letzte Gebäudeteil und wurde 1466 fertiggestellt. Besonders hübsch sind die bunten lasierten Ziegel – wenn die Sonne darauf steht, leuchtet der Turm weit über die Stadt und ist ein richtiger “Hingucker”.

Ein Tipp (der wieder mit Parzival zu tun hat): unbedingt das Cafe Parzival besuchen! Und nicht nur gucken, sondern genießen. Selbstgemachte Torten gibt es hier von allererster Güte. Außerdem serviert man Kaffee “french pressed”, also direkt in der French-Press-Kanne zum selber-drücken oder wie man das nennt. Dauert zwar alles ein bisschen länger, der Kaffee und die Bedienung, aber das warten lohnt sich. Fränkisch gemütlich und fränkisch gut!

Wolframs-Eschenbach ist noch so gut erhalten, dass es glatt für die Verfilmung des Räuber Hotzenplotz als Drehort dienen konnte. 1974 hat sich mit Gert Fröbe, Josef Meinrad und Lina Carstens eine Menge Prominenz in dem damals 2000 Einwohner zählenden Ort versammelt.

Im Umkreis von Wolframs-Eschenbach gibt es noch weitere sehenswerte alte Dörfer: wir haben schon bestaunt Merkendorf, Ornbau und etwas weiter entfernt Weißenburg in Bayern. Alle haben eines gemeinsam: Störche. Storchennester gibt es überall mit ihren klappernden Insassen.