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Wir haben den Umzug vom Süden in den Norden letztendlich gut hingekriegt. Es war zum Schluss turbulent, aber es hat geklappt.

2020-04-12 (25)

Das erste, das ich hier gelernt habe: es ist nicht flach! Von wegen, man kann morgens sehen, wer zum Kaffee zu Besuch kommt! Tellingstedt liegt auf der Hohen Geest, die von den Eiszeiten geformt wurde. Das bedeutet, dass etliche Gletscher hier ihr Geröll aus Skandinavien als Moränen abgeladen haben. Die sieht man heute noch als 40 bis 60 Meter hohe Wälle. Man sieht sie nicht nur, man muss mit dem Fahrrad auch da rauf.

Im Gegensatz zur Marsch, die nun wirklich flach und eintönig wie in Pfannkuchen ist, ist die Hohe Geest hügelig und geprägt von Mooren, Heidegebieten und Seen. Eine abwechslungsreiche, allerdings nicht ganz so fruchtbare Gegend wie die Marsch. Darum gibt es hier oben auch wenig Getreideanbau und mehr Viehwirtschaft.

Anstelle von Raps soweit das Auge blickt , ist die Landschaft hier kleinräumig: Wiesen wechseln ab mit Feldern und Heidegebieten, Moore grenzen an Wäldchen, kleine Seen verstecken sich hinter Gagelstrauch-Gebüschen. Die Vielfältigkeit zeigt sich auch in der Vogelwelt. Neuntöter und Schwarzkehlchen haben hier ihr Revier (direkt vor der Haustür!), Störche und Kraniche stolzieren über die Wiesen, Baum- und Wiesenpieper singen mit der Geldlerche um die Wette, Rohrammern und Schilfrohrsänger schaukeln auf Schilfstängeln, der Brachvogel trillert und die Uferschnepfe ruft ihren schwedischen Namen “grittagrittagritta”.

Kurzum: eine rauhe, aber schöne und abwechslungsreiche Landschaft. Wir werden viel zu berichten haben.

Als erstes stelle ich Euch die Nachbarschaft vor. Ein Beobachtungsgebiet direkt vor der Haustür ist das Dellstedter Birkwildmoor. Birkwild gibt es hier leider schon lange nicht mehr. In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ist es hier verschwunden.

Das Moor wurde wie eigentlich alle Moore in Schleswig-Holstein seit Hunderten von Jahren zur Torfgewinnung genutzt. Meistens wurde der Torf als Brennmaterial verw

endet, in einem waldarmen Land verständlich. Torf aus Dellstedt war aber so locker, dass man ihn kaum verbrennen konnte; er wurde als Einstreu in Pferdeställen verwendet. Seit ungefähr 1920 begann die Kultivierung des Moores, aufwändige Schöpfwerke wurden gebaut für die Entwässerung in Richtung Eider und mit einer eigens erbauten Eisenbahn wurden Dünger und Kalk ins Moor verfrachtet, um den Boden fruchtbar zu machen. Viel ist nicht dabei herausgekommen, die Nutzung wurde in den 1970er Jahren wieder aufgegeben und das Moor wurde renaturiert – sprich: man hat es wieder vernässt.

Heute ist das Dellstedter Moor ein zwar kleines, aber sehr feines Refugium für allerlei Pflanzen und Getier. Wir haben schon Kraniche, Bekassinen, Blaukehlchen, Schwarz- und Braunkehlchen, Uferschnepfen, Kiebitze, Pfeifenten und Rohrweihen gesehen.

20191112_211143Ob mein Mensch unter seinen Vorfahren Eichhörnchen oder so was hatte? Ständig höre ich sie rufen “Oh, daran habe ich ja gar nicht mehr gedacht” und “Ui, schau mal, was ich gefunden habe”! Genauso wie die Roten mit den buschigen Schwänzen, die verstecken auch ständig Nüsse und so und finden sie dann nicht wieder. Vergessliches Volk!

Jedenfalls sind total viele Sachen in irgendwelchen Schränken aufgetaucht. Langweilige Dinge wie Gummistiefel und Regenhosen, Schwimmbrillen und ein Schuhputzset. Aber dann kam dieses Spiel und ich war hin und weg! Da bin ich sogar drin – ein richtiger Waschbär. Natürlich, das muss ja sein, es geht ja auch um tolle Tiere.

Mein Mensch hat’s erklärt: das ist ein Memory. Aber man muss nicht zwei gleiche Karten finden, sondern den äußeren Ring mit dem inneren Gesicht zusammenbringen. Beim Tiger ganz einfach, aber die anderen sind ganz schön kniffelig.

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Da muss man richtig nachdenken und sich gut vorstellen können, wie das restliche Tier aussieht, wenn man bloß Ohren hat!

Wir ziehen bald um und ich sage Euch, das ist ganz schön viel Arbeit. Meine Menschen sortieren aus und sortieren noch mal aus und noch mal. Aber ein paar Sachen müssen mit. Zum Beispiel dieses Buch hier:

20191105_204135C. W. Ceram
Götter, Gräber und Gelehrte

Das Buch begleitet meinen Menschen seit 50 Jahren, hat jeden Umzug mitgemacht und wurde unendlich oft gelesen. Irgendwann ist es auf den eReader gewandert und jetzt immer in Reichweite. Aber das Original-Buch wird dennoch gehütet.

Es gibt zwei Geschichten zu diesem Buch – eine Geschichte gehört zu Pia und eine zu Ulrich und dennoch sind beide gleich.

Bei beiden hat die Mama geputzt als meine Menschen noch jung waren. Und meine Menschen haben die Mama in den Ferien begleitet – Ulrich hat beim Staubsaugen geholfen, Pia hat Blumen gegossen oder Staub gewischt. Beide haben fasziniert vor den Bücherschränken gestanden: Eichenschränke mit Glastüren, hinter denen sich Schätze verbargen. Beide haben auf dem Teppich auf dem Bauch gelegen und und zuerst heimlich gelesen, dann mit Billigung oder sogar mit ausdrücklicher Aufforderung der Wohnungsbesitzer.

Da gab es “Mutter Natur erzählt” und den Brockhaus in vielen Bänden, es gab Simmel und Konsalik und Ceram. Ceram war eine neue Welt. Die Geschichte der Archäologie so erzählt, dass eine Neunjährige und ein Zwölfjähriger in den Bann geschlagen wurde. Herculaneum und Pompeji werden entdeckt, Schliemann sucht Troja, in Kreta findet Evans das Labyrinth des Minotaurus, Carter entdeckt das Grab des Tut-ench-Amun, Koldewey staunt über Babylon und die Ruinen der Azteken werden der staunenden Welt vorgestellt. Was haben meine Menschen gelesen, atemlos und staunend und in eine neue Welt eintauchend.

Weil man ewig brauchen würde, das Buch zu lesen, wenn man nur zweimal in der Woche und nur während der Ferien eine Stunde lesen kann, hatte jemand Mitleid: Pias Mama brachte eines Tages das Buch mit heim, mit einem schönen Gruß von der Besitzerin. Seit dieser Zeit ist das Buch ein treuer Begleiter gewesen. Von Dorsten nach Vaterstetten, von Vaterstetten nach München-Giesing, von dort nach München-Sendling, dann in die erste gemeinsame Wohnung nach München-Berg am Laim, nach Neuperlach und jetzt geht es mit in den Norden.

Mit einigen anderen Buchschätzen wird es einen Ehrenplatz im neuen Zuhause bekommen.

20190531_095724Den morgenblic bî wahtaeres sange erkôs
ein vrouwe, dâ si tougen
an ir werden vriundes arm lac.

Das ist ein Minnelied von Wolfram von Eschenbach. Um 1220 hat er dieses pikante Lied gedichtet. Auf Neu-Hochdeutsch lautet das so:

Den ersten Morgenstrahl, als der Wächter sang,
nahm eine Dame wahr, als sie heimlich
in den Armen ihres edlen Freundes lag.

Wir haben ihn besucht, den Dichter. Oder zumindest seine Gedenktafel im Heimatort Eschenbach, das sich seit 1917 (oder nach anderen Quellen seit 1912) “Wolframs-Eschenbach” nennen darf. Das hübsche Fachwerk-Örtchen liegt im Fränkischen, 10 km nördlich vom Altmühlsee und 20 km südlich von Ansbach.

Der Ort wurde um 1060 das erste Mal urkundlich erwähnt. Anfangs war es eine Besitzung der Bischöfe von Eichstätt, wechselte dann mehrfach den Besitzer und wurde schließlich 1220 dem Deutschen Orden geschenkt. Ich weiß nicht, wie sich die Bewohner gefühlt haben, als man sie so mir-nichts-dir-nichts verschenkt hat. Gefragt hat sie gewiss keiner.

Aber der Deutsche Orden entwickelte den Ort weiter, baute viel und sorgte dafür, dass Eschenbach zu einem wichtigen regionalen Handelsplatz wurde. Das Liebfrauenmünster geht genauso auf die Baumeister des Ordens zurück wie einige der älteren Fachwerkhäuser.

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Wenn man die noch komplett erhaltene Stadtmauer mir ihren vielen Türmen umschreitet und durch die mächtigen Tore in die Stadt geht, erwartet man tatsächlich, dass gleich ein Ritter um die Ecke reitet.

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Der berühmte Sohn der Stadt, Wolfram von Eschenbach, ist hier oder in einem Dorf in der Nähe geboren. Rittergeschlechter gab es in Eschenbach zwar nicht, aber Wolfram spricht von sich selber als “ritterbürtig”.

Neben Minneliedern und Auftragsliedern zum Ruhm und Lob verschiedener Herren dichtete er den “Parzival” – oder genauer: dichtete ihn in alt-hochdeutscher Sprache nach. Das Werk beruht auf einem französischen Stück. Wieviel original von Wolfram ist und wieviel er übernommen hat, weiß man nicht.

Der Parzival ist eine Geschichte von Rittertum, Aventüren (Ritter-Abenteuern), Liebeshändel, Missverständnissen, der Artus-Runde und der Suche nach dem Heiligen Gral. Wunderbar gelesen und erklärt wird der Parzival von Peter Wapnewski. Eine Kurzfassung für die ganz Eiligen gibt es auf YouTube bei Sommers Weltliteratur to go.

Aber auch ohne den Parzival ist Wolframs-Eschenbach ein sehenswertes Städtchen. Das Liebfrauenmünster ist eine der frühesten gotischen Hallenkirchen in Deutschland. Das heißt, dass das Hauptschiff in der Mitte und die beiden Seitenschiffe gleich hoch sind.

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Teile des Turmes gehen auf den Vorgängerbau von 1019-1075 zurück, der Chor wurde vom Deutschen Orden 1250 und das Langhaus 1300 errichtet. Der spitze Turmhelm war das letzte Gebäudeteil und wurde 1466 fertiggestellt. Besonders hübsch sind die bunten lasierten Ziegel – wenn die Sonne darauf steht, leuchtet der Turm weit über die Stadt und ist ein richtiger “Hingucker”.

Ein Tipp (der wieder mit Parzival zu tun hat): unbedingt das Cafe Parzival besuchen! Und nicht nur gucken, sondern genießen. Selbstgemachte Torten gibt es hier von allererster Güte. Außerdem serviert man Kaffee “french pressed”, also direkt in der French-Press-Kanne zum selber-drücken oder wie man das nennt. Dauert zwar alles ein bisschen länger, der Kaffee und die Bedienung, aber das warten lohnt sich. Fränkisch gemütlich und fränkisch gut!

Wolframs-Eschenbach ist noch so gut erhalten, dass es glatt für die Verfilmung des Räuber Hotzenplotz als Drehort dienen konnte. 1974 hat sich mit Gert Fröbe, Josef Meinrad und Lina Carstens eine Menge Prominenz in dem damals 2000 Einwohner zählenden Ort versammelt.

Im Umkreis von Wolframs-Eschenbach gibt es noch weitere sehenswerte alte Dörfer: wir haben schon bestaunt Merkendorf, Ornbau und etwas weiter entfernt Weißenburg in Bayern. Alle haben eines gemeinsam: Störche. Storchennester gibt es überall mit ihren klappernden Insassen.

20190517_084147Jetzt lohnt es sich, im Auwald spazieren zu gehen. Die Bäume sind noch nicht ganz belaubt, die letzten Zugvögel sind zurück und die Vogeleltern sind mit Füttern sehr beschäftigt.

Von München aus gut erreichbar sind die Auwälder an der Donau bei Günzburg, an der Isarmündung bei Plattling und am Inn zwischen Braunau und Reichersberg.

20190518_103019Wir waren an der Donau und haben ein idyllisches Stück Auwald zwischen der Staumauer Lauingen und der Brenzmündung erkundet. Das sind zwar nur knappe 700 Meter Weg, aber wir haben zwei Stunden gebraucht!

Start ist im Ortsteil Faimingen am Kraftwerk. Vor dem Kraftwerk gibt es einen Parkplaz, die Brenzmündung liegt vom Parkplatz aus nach Osten (nach links gehen).

Zuerst haben uns die Pirole festgehalten. Über uns wurde “didlioh” gerufen, dann weiter weg, wieder näher. Trotz intensiver Suche bleiben die Sänger aber verborgen. Dann haben wir Glück: zwei gelbe Blitze schießen aus der höchsten Esche, streben eilig über die Donau und setzen sich am gegenüberliegenden Ufer in hellstem Sonnenschein auf die Spitze eines noch kaum belaubten Baumes. Goldgelb und schwarz sitzen sie sekundenlang da, dann tauchen sie in das Laub ab und wir hören nur noch “didlioh” mal von hier, mal von dort.

DSC07358_AusschnittEin paar Schritte weiter sitzt ein Schnäpperweibchen auf einem Busch und beguckt uns genauso wie wir sie. Welcher Schnäpper das ist, kann ich bei den Weibchen nicht bestimmen: Trauer- oder Halsbandschnäpper. Die Herren sind gut zu unterscheiden, die Damen leider nicht. Aber das Rätsel löst sich schnell, denn der Herr gesellt sich dazu und ist eindeutig ein wunderschöner Halsbandschnäpper. Schwarzes Käppchen und weißer Halsring, schwarze Flügel mit weißen Abzeichen im Kontrast. Allerdings sitzen beide hoch oben in den Bäumen und sind nur im Fernglas gut zu sehen.

Immer wieder fliegen sie die gleiche Stelle an und es zeigt sich schnell, dass sich in der Astgabel ein Loch verbirgt, hinter dem die Bruthöhle liegen muss. Mit Futter im Schnabel fliegen sie einen Zweig an, schauen kurz in die Runde, verschwinden im Loch und kommen kurz wieder heraus – auf zur nächsten Futterrunde.

Ficedula albicollis (Halsbandschnäpper, Männchen)Plötzlich große Aufregung: Das Männchen fliegt scharfe Attacken. Auf wen bloß? Ein Buntspecht macht sich am Nachbarbaum zu schaffen und hat den Ärger des Hausherrn hervorgerufen. Durch die lauten Rufe und die Attacken lässt er sich vertreiben.

Buntspechte sind Nesträuber und werden darum von brütenden oder fütternden Kleinvögeln nach Möglichkeit vertrieben. Wir beobachten später die Halsbandschnäpper erneut bei wütenden Angriffen, auch Kohl- und Blaumeisen sind nicht amüsiert über den Buntspecht-Besuch. Genauso wird die so viel größere Rabenkrähe angegriffen und auch ein ganz junger Star. Der kleine Kerl wird noch gefüttert und wollte sich bloß auf den Ast setzen, um auf Mama oder Papa zu warten – schon saust ein schwarz-weißer Flederwisch dicht über ihn hinweg und schimpft und zetert, was das Zeug hält! Der kleine Star hat ziemlich verdattert geguckt und sich verängstigt geduckt. Mit der schnellen Flucht klappte das noch nicht so und er musste sich hopsend und flatternd in Sicherheit bringen. Warum er da nicht sitzen sollte, wird er wohl  nicht verstanden haben.

In einer großen Weide am Wegende haben sich Kohlmeisen häuslich niedergelassen und fliegen im Minutentakt mit Raupen im Schnabel in eine Höhle. Auch hier werden hungrige Mäuler gestopft. Der Anflug geht so blitzschnell, dass kein Foto geklappt hat. Kurzes Sichern auf einem Zweig, dann ein Huschen in die Rindenspalte, Sekunden später wieder ein blauer Blitz und weg war die Meise.

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Noch ist das Walddach lichtdurchlässig, die Baumkronen sind noch nicht dicht geschlossen. In wenigen Wochen wird alles belaubt sein, das Licht wird weniger und die Vögel entdeckt man im dichten Blattwerk nicht mehr so leicht.