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20180821_110445-1Zwei Tage haben meine Menschen gebraucht, kein Wunder, sie mussten stääändig Pausen machen und Eis essen. Ich habe meine Nase natürlich auch man in den Eisbecher gesteckt, schließlich muss ich ja die Qualität testen.

Eispausen waren tatsächlich nötig – bei strahlendem Sonnenschein und fast 30 °C waren wir um jede Abkühlung froh.

22.08.2018_0000Der erste Teil der Radtour folgt dem Mangfall-Radweg bzw. der Via Julia bis kurz vor Bad Aibling. Die Route ist sehr gut ausgeschildert, es gibt nirgendwo fragliche Punkte, wenn man die Augen aufmacht. Von München-Neuperlach bis Derndorf bei Bad Feilnbach (unserer heutigen Endstation) sind es rund 64 km. Meistens geht es auf kleinen Straßen, asphaltierten Feld- und Waldwegen oder Schotterwegen. Nur ganz selten fährt man kurze Stücke entlang größerer Straßen.

20180820_091809Kurz nach Aying geht es bergauf, für unsere 7-Gang-Räder ist das eine “Schiebe-Strecke”. Aber einmal oben angelangt hat man einen wunderschönen Blick zurück auf Aying. Ab hier fährt man erst mal durch Wald in Richtung Groß- und Kleinhelfendorf. In Kleinhelfendorf lohnt sich ein Abstecher in die Kirche St. Emmeram, in der des Heiligen Emmeram von Regensburg gedacht wird, der laut Legende hier 652 ermordet wurde. Das Hochaltarbild zeigt ihn als Bischof.

Wir gedenken im Folgenden dem Heiligen “Schieberus”, weil es wieder mal ein Stück bergauf geht. Bis zum Bergtierpark Blindham müssen wir schuften, dann geht es abwärts und mein Drahtesel erreicht 39 Stundenkilometer!

20180820_113125Ab hier folgen wir der Mangfall, die aus dem Tegernsee kommt und bei Rosenheim in den Inn mündet. Das Flüsschen ist sehr hübsch und an vielen Stellen kann man baden gehen. Oder angeln. Von jeder Brücke sieht man die Forellen im Wasser stehen.

Heute ist die Mangfall idyllisch, das war nicht immer so. Sie wurde bereits im Mittelalter intensiv genutzt: Mühlen und Verbauungen für die Holztrift. Später kam die industrielle Nutzung dazu, vor allem zur Stromgewinnung wurden mehr und mehr Kanäle abgezweigt. Bis schließlich kaum noch Wasser in der Mangfall floß und ein großes Fischsterben einsetzte. Heute wird wieder zurückgebaut und renaturiert, Betonschwellen werden durch natürliche Felsen ersetzt, die Fließgeschwindigkeit wurde wieder erhöht, die Wasserentnahme wurde begrenzt. Das war so erfolgreich, dass es seit 2008 auch wieder Eisvögel an der Mangfall gibt.

Das glasklare Wasser sieht schon sehr einladend aus, wenn man verschwitzt ist - wenn wir nicht weiterwollten, würden wir ja… Der Waschbär hat es kaum ausgehalten!

20180820_110749Von den vielen Orte, die an der Mangfall liegen, bekommt man auf dem Radweg nicht viel mit. Es ist erstaunlich ruhig, die Häuser verstecken sich hinter Bäumen und Gebüsch und wir genießen jedes Mal die schöne Auenlandschaft. Andererseits sind kühle Getränke (und ein Eisbecher!) nie allzu weit weg.

 

20180820_123749-BearbeitetKurz vor Bad Aibling verlassen wir die Mangfall und den Mangfall-Radweg und folgen weiter dem Salz-Samer-Radweg, der ziemlich gerade auf den Wendelstein zuhält. Also: direkte Route nach Süden!

Trotz der Gebirgsnähe hat man hier keine Gefällestrecken – es geht nicht rauf und nicht runter, sondern hübsch gerade.

Während der Eiszeit wurde hier alles aufgefüllt mit Schotter. Zum einen haben die Gletscher hier das ganze Kleinzeug abgeladen und am Ende der Eiszeit alles liegen gelassen, zum anderen hat der Inn eine Menge Schotter aus dem Gebirge mitgebracht und hier ebenfalls entsorgt. So entstand die Schotterebene oder das Molasse-Vorland. Die Inn-Ablagerungen reichen weit nach Osten und haben sogar der Mangfall zuerst mal den Weg versperrt. Sie musste sich bei Valley mühsam durch die Seitenmoräne des Inn wühlen. Heute beschert das den Bayern viele Kiesabbaugruben und uns ein entspanntes Radeln.

20180821_092624Endstation war heute Derndorf kurz hinter Bad Feilnbach. Das ist ein (man höre und staune!) Obstanbaugebiet erster Güte. Äpfel-, Birnen- und Pflaumenbäume sorgen für reiche Ernte. Heuer hängen die Bäume voll!

20180821_093133Die Äpfel hängen dicht wie Trauben, die meisten Bäume mussten unterstützt werden.

 

Tag 2 geht von Derndorf über Brannenburg nach Kufstein – den beschreibe ich morgen.

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IMG_6747An vielen Eichenblättern findet man jetzt grüne oder braune Kugeln. Sie sind so groß wie Murmeln (Schusser auf Bayerisch, Knicker im Ruhrdeutsch), richtig schön rund und glatt und sie sitzen auf Blättern oder an Ästen der Eichen. Das sind “Gallen”. Gallen sind Kinderstuben – in diesem Fall ist es die Kinderstube der Eichengallwespe.

So eine Eichengallwespe sieht gar nicht wespig aus, sie ist reinschwarz und man würde sie beim flüchtigen Hingucken eher für eine Fliege halten. Die weibliche Eichengallwespe piekst eine Blattader an und legt ein Ei hinein. Das Eichenblatt umwuchert die Stelle mit Pflanzengewebe, in dessen Innern das Ei zur Larve wird. Die Larve frisst die Galle von innen her auf, bis nur noch die Hülle über bleibt und eine neue, fertige Eichengallwespe ausfliegen kann. Dann bleibt eine schrumpelige braune Hülle zurück.

Die Menschen sind übrigens gar nicht so schlau! Sie wissen genauso wenig wie wir Waschbären, warum eine Eichengallwespe eine Galle bekommt, die hübsch rund wird und eine Rosengallwespe einen lustigen haarigen Ball. Es gibt auch Gallmücken, für deren Eier kleine Zipfelmützen auf den Blättern wachsen.

Soweit die Eichengallwespe. Was hat sie nun mit der Kanzlei zu tun?

Die Galle enthält sehr viel Gerbstoffe, aus denen sich eine tiefschwarze Tinte gewinnen lässt. Dazu muss man die Galläpfel erst mal trocknen, zerstampfen und zerkochen. Dann wird ein Eisensulfat (Eisenvitriol) hinzugefügt. Noch ein Schuss Gummi arabicum dazu, damit das ganze nicht ausflockt und schön flüssig bleibt. Vermutlich kräftig schütteln (das gehört irgendwie immer zu solchen Rezepten) und luftdicht verschließen.

Das Ergebnis des Ganzen ist Eisen-Gallus-Tinte. Ab in den Federhalter damit und rauf auf’s Papier – jetzt erst, in Kontakt mit dem Sauerstoff der Luft, bildet sich die endgültige Tinte: nach einem Tag wird das Geschriebene tiefschwarz. Dieser Schriftzug ist dokumentenecht, das heißt, er ist wischbeständig, kann nicht ausradiert werden und ist nicht ohne Spuren zu entfernen. Sie verblasst kaum und wenn man Wasser drüberkippt, bleibt der Schriftzug noch erhalten. Laut einer alten Vorschrift von 1933 muss ein acht Tage alter Schriftzug nach dem Waschen mit Wasser und Alkohol immer noch tiefschwarz sein. Das hat man früher eine Kanzleitinte genannt.

Die Eichengallwespe war doch damals eigentlich Mitarbeiterin einer Kanzlei – unentbehrlich. Hatte sie Urlaubsanspruch? Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall? Hat sich bestimmt wieder kein Mensch drum gekümmert!

Verblasst eine Schrift mit Eisen-Gallus-Tinte doch einmal, kann die Schrift wieder lesbar gemacht, indem man Kaliumhexacyanoferrat(II) mit überschüssiger Salzsäure darüber gießt. Das musste ich jetzt unbedingt wegen des schönen Wortes aufschreiben!

Eisen-Gallus-Tinte wird heute noch bei wichtigen Dokumenten und in der Kalligrafie verwendet. Für den täglichen Gebrauch ist sie wenig empfehlenswert. Moderne Füllfederhalter würden die Tinte nicht lange überleben: eine Stahlfeder sollte es schon sein. Tägliches Ausspielen der Feder (wer macht das schon?) ist das absolute Muss. Urkundenecht heißt auch, dass sie nie, nie wieder aus einem Kleidungsstück herausgewaschen werden kann. Herzlichen Glückwunsch!

Und hier noch das Originalrezept von 1716, um “gute Dinten” zu machen:

Nimm 2 Maß sauber Regenwasser in ein sauberen Dintenhafen. Thu darein 18 Lod schwarzen Gallus, grob gestoßen und den Staub darvon gesiebet. Dann tu darein 8 Lod weißen Gummi. Laß wiederum drei Tage und Nächt stehen. Alsdann tu darin 8 Lod Vitriol und 1 Lod Alaun samt einem Glas voll Essig und ein Löffel voll Salz. Rühre es wohl unter einanderen. Stelle den Hafen Sommerszeits an die warme Sonne, im Winter aber auf einen warmen Ofentritt, vierzehn Tag lang und alle Tage einmal umgerührt. Gibt eine ausbündig schöne schwarze Dinten.

IMG_6767Ich habe eine Radtour gemacht, mit meinen Menschen natürlich. Alleine komme ich ja nicht an die Pedale. Dabei haben wir Pflanzen geguckt: Kletten und Disteln vor allem. Schwierig zu bestimmen, findet mein Mensch. Am Wegrand wuchs ganz viel gelbe Kanadische Goldrute und rosa Springkraut – pfui, das stinkt. Mein Mensch sagt, das sind Neo… dings. Erklär doch noch mal, Mensch!

Neophyten, lieber Waschbär. Neueingebürte Pflanzen – neo heißt neu und phyton ist die Pflanze. Das kommt zum Beispiel im Wort “Epiphyt” vor – eine Pflanze, die auf einer anderen Pflanze wächst. 

Kanadische Goldrute (Solidago canadensis)Kanadische Goldrute und Drüsiges Springkraut (manche sagen auch Indisches Springkraut dazu) sind erst vor wenigen Jahren in Deutschland angepflanzt worden und haben sich dann leider allzu schnell selbständig gemacht.

 

Drüsiges Springkraut (Impatiens glandulifera)Heute überwuchern beide Pflanzen ganze Gebiete und machen anderen Pflanzen das Leben unmöglich. Das ist problematisch, weil die Schmetterlinge und ihre Raupen, die Wildbienen und Hummeln sich nicht so schnell auf neue Pflanzen einstellen können und trotz der üppigen Blütenpracht verhungern.

Viele sind ganz begeistert, weil so viele Bienen an diesen Pflanzen summen. Aber das sind “nur” die gezüchteten Honigbienen, also eine Haustierart. Unsere wilden Insekten können mit den Neophyten leider gar nichts anfangen.

Aber sprechen wir doch von Dir, Waschbären sind ja auch Neo … dings. Neozoen nämlich. Nicht nur Pflanzen sind neu eingeführt worden, man hat auch Tiere aus anderen Kontinenten irgendwo anders eingesetzt und das sind dann Neozoen. Wieder neo wie neu und zo… kennt man vom “Zoo” und bedeutet irgendwas mit “Tier…”. Ganz bekannt sind die europäischen Kaninchen, die Australien verwüsten. Tja, und die nordamerikanischen Waschbären hier in Deutschland.

Also wirklich! Wir sind doch keine Kaninchen. Und verwüsten tun wir auch nix. Nur ein bisschen Krach auf dem Dachboden machen und Mülltonnen umkippen und so.

Mit Kaninchen könnt Ihr es in der Tat nicht aufnehmen, aber die Vermehrung ging schon zügig. 1934 wurden am Edersee in Hessen bewusst und geplant zwei Waschbärenpaare ausgesetzt. Sie sollten die heimische Tierwelt bereichern (was sie dann ausgiebig getan haben). Außerdem sind 1945 in Brandenburg rund zwei Dutzend Waschbären entwischt, als die Zuchtanlage durch Bomben zerstört wurde. Sie haben verständlicherweise ihre Pfoten in die Hand genommen und sind so schnell wie möglich in die umliegenden Wälder gesaust. Und alle miteinander haben das gemacht, was man als Waschbär so tut: viele kleine Waschbären machen.

1956 hat man geschätzt, dass es in ganz Deutschland 285 Tiere gab; 1970 schätzte man den Bestand auf 20.000 und heute sind es zwischen 200.000 und 500.000. So genau weiß das niemand, aber die Tendenz ist steigend.

Ob der Waschbär Schäden in der heimischen Tierwelt anrichtet, ist umstritten. Sichere Beweise dafür gibt es bislang nicht. Er ist ein kluger Räuber und lebt natürlich nicht nur vom Plündern der Mülltonnen. Vogeleier, Jungvögel, Frösche, Fische, Insekten stehen auf dem Speiseplan genauso wie Nüsse und Obst. Sie fressen einfach alles. Inklusive Honigkuchen, Pizza und Ölsardinen. Vor einem Waschbären ist nichts, aber auch gar nichts sicher. Fangen und töten kann man ihn auch nur sehr schwer, er ist klug, gewitzt und anpassungsfähig. Loswerden wird man ihn sowieso nicht mehr.

Zudem ist Meister Waschbär ein Kulturfolger, das heißt, dass er gerne mit uns Menschen zusammenlebt. Dachböden und alte Schuppen sind ideale Schlupfwinkel, in dem Mutter Waschbär auch gerne ihre Jungen großziehen; Mülltonnen sind eine unerschöpfliche Nahrungsquelle und manch ein Waschbär scheut sich auch nicht davor, durch die Katzenklappe ins Haus zu schlüpfen, um den Katzen das Futter wegzufressen.

Das war’s für heute!
Mit vielen Grüßen von Eurem Waschbären und seinem Menschen

 

 

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20170906_201432Mein Mensch sagt, es ist so heiß, weil gerade die Hundstage sind. Hundstage, wieso das denn? Wieso machen Hunde so ein heißes Wetter? Wenn das stimmt, ziehe ich ihnen ihre Schlappohren noch länger als sie sind - so eine Hitze ist ja kaum auszuhalten! Also, Mensch erklär mal!

Der Waschbär hat schon irgendwie Recht: Hundstage haben was mit Hund zu tun. Mit einem Hund, um genau zu sein. Ein Hund, der ganz weit weg ist.

Jetzt sind also die Hundstage: Sie beginnen in jedem Jahr am 23. Juli und enden am 23. August. Heiß ist es da nicht immer, vor allem nicht hier bei uns. Anders war das am Mittelmeer, hier fängt Ende Juli die richtig heiße Zeit des Jahres an. Und just zu dieser Zeit sah man Nachts am Himmel den hellen Sirius aufgehen. Nacht für Nacht steigt er höher und bleibt uns dann während der ganzen Winterzeit als hellster Stern am Firmament erhalten.

Sirius gehört in das Sternbild des Orion, dem Himmelsjäger. Wie jeder Jäger wird auch Orion von Hunden begleitet und Sirius ist der hellste Stern seines Großen Hundes (Canis Major). Im Frühjahr und Frühsommer ist Sirius von Europa aus nicht zu sehen, er kam wie gesagt Mitte Juli über den Horizont. Bis alle Sterne des Großen Jagdhundes zu sehen, vergingen rund 30 Tage. Das sind die “30 Tage des Hundes”. Sie sind vorbei, wenn das Sternbild vollständig zu sehen ist.

Ich als Waschbär gucke natürlich viel mehr in den Nachthimmel und ich kann auch viel besser gucken als die Menschen. Darum kann ich Euch sagen, dass der Sirius erst Ende August aufgeht. Immer diese ollen Kamellen! Vor 2000 Jahren kam der Hund im Juli angetrabt, aber im Laufe der Jahrhunderte ist er ganz schön langsam geworden …

Der Waschbär hat schon Recht. Aber vor 2000 Jahren stimmte das ungefähr mit dem 23. Juli als Sirius-Aufgang und wir haben die Verbindung: die 30 Tage, die vom ersten  Erscheinen des schwachen kleinen Kopfsternes des Hundes bis zum letzten Schwanzstern vergehen, sind die “Tage des Hundes” - Hundstage. Die Menschen früher stellen sich vor, dass der hellste Hunde-Stern, Sirius, die Glut der Sonne noch verstärkt. Beide zusammen schaffen dann die Sommerhitze.

Wir verwenden den Begriff “Hundstage” noch heute für die heißeste Zeit des Jahres, auch wenn der Sirius längst nicht mehr im Juli sondern im August aufgeht.

Der Hund ist übrigens nicht langsamer geworden, was immer der Waschbär da auch redet. Die Achse der Erde hat sich in den letzten 2000 Jahren ein wenig geändert und die Sterne, die aus unserer Sicht den Großen Hund bilden, sind  auch gewandert. Darum sehen wir den Sirius heute gut vier Wochen später am Abendhimmel.

Also kein Grund, den Schlappohren die Ohren noch länger zu ziehen. Schade!

Im Spanischen hat sich Cavis Major in “la canicula” verewigt - die Hitzewelle. Im Arabischen knüpft sich an den Großen Hund eine eher unappetitliche Legende: die in der flirrenden Wüstenhitze zu sehenden Fata Morgana sind die “Speicheltropfen des Hundssterns, die vom Himmel tropfen”. Eine deutsche Bauernregel sagt, dass die Hundstage so ausgehen, wie sie anfingen.

Wir wünschen Euch schöne Hundstage!

Der Waschbär und sein Mensch, Pia

20180723_153159Am Potsdamer Platz an der Einmündung der Alten Potsdamer Straße steht ein “Verkehrsturm” - die erste Ampel Berlins und eine der ersten Deutschlands. Sie wurde 1924 aufgestellt, um den immer heftiger werdenden Verkehr am Potsdamer Platz zu regeln. 1990 hat man den  Turm nachgebaut und hier aufgestellt, nicht ganz an der gleichen Stelle wie früher, sondern versetzt auf einem Fußgängerbereich.

Damals war der Potsdamer Platz fast noch verkehrsreicher als heute: täglich passierten 20.000 Autos den Platz, 26 Straßenbahnen kreuzten sich mit fünf Buslinien sowie S-Bahn- und U-Bahnlinien. Letztere mussten natürlich nicht an der roten Ampel halten. Zwischen diesem ganzen  Getümmel hopsten 83.000 Reisende herum, die sich eine Lücke im Strom der motorisierten Zeitgenossen suchen mussten, um auf die andere Straßenseite zu kommen.

22.07.2018_0006 Anfangs hat ein Schutzmann auf einem drei Meter hohen Hochstand gestanden und kräftig in die Trompete geblasen, wenn alles stehen  bleiben sollte.

(Bild Common Licence https://www.wikizero.com/de/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1998-012-36A,_Potsdamer_Platz.jpg)

Kommentar vom Waschbären:
Ich stelle mir vor, wie das ging: einmal blasen - alles bleibt stehen, zweimal tuten - die Querstraße darf losdüsen, dreimal  tuten - jetzt sind die anderen dran? Viermal tuten ist dann wohl: jetzt reichts, macht doch, was ihr wollt!

 

20180723_153136Naja, jedenfalls war der arme Polizist irgendwann heillos überfordert. Der “Posaunenengel” konnte sich einfach nicht länger Gehör verschaffen. Eine andere Lösung musste dringend her und die fand man  in den USA. Dort gab es bereits Ampeltürme, die der deutsche Architekt Jean Krämer nachempfand und die Firma Siemens realisierte. Ein über acht Meter hohes fünfeckiges Gestell, gekrönt von einem Dach, darunter an allen  fünf Seiten eine Uhr und jeweils drei Lichter: damals grün, weiß und rot. Im Nachbau ist es grün, gelb, rot - wie wir es heute kennen.

Die fünf Seiten  waren nötig, weil am Potsdamer Platz fünf Straßen zusammenkamen. Im Unterschied zu heutigen Ampeln lagen die Lichter neben-, nicht untereinander. 

Im  Innern saß nach wie vor ein Polizist mit einer Stoppuhr und schaltete die Ampelzeichen. Ich weiß leider nicht, wie oft er raussausen musste, um uneinsichtige Autofahrer zur Ordnung zu rufen. Denn anfangs wollte wohl niemand einsehen, dass man vor einem dummen Lichtsignal still stehen sollte. Vielleicht hatten die Berliner den Eindruck, dass sie sich wie die Schweizer im “Wilhelm Tell” vor dem Hut des Landvogtes verbeugen sollten?

1926 hat Berlin versucht, alle Ampelanlagen zentral zu steuern - mit einem gigantischen Verkehrsstau als Folge. Alle Ampeln in der Stadt schalteten gleichzeitig auf rot und ganz Berlin stand. Dann schalteten alle wieder grün und das Verkehrschaos war komplett. Man musste sehr schnell nachrüsten: mit einer grünen Welle.

20180723_153224Abgebaut wurde das gute Stück 1936. Als Nachbau kam sie dann 1997 wieder an ihren alten Platz (naja, fast an den alten Platz). Sie leuchtet auch ganz tapfer vor sich hin, aber nicht im Takt mit den richtigen Ampeln.

 

 

Die erste Ampel der Welt (wie wir sie heute noch verwenden) nahm übriges 1914 im nordamerikanischen Cleveland ihren Dienst auf. Gelb gab es noch nicht, nur Rot und Grün.

Um einiges älter war ein Signalmast in London mit Gaslaternen für die Nacht und mechanischen Armen  für den Tag. Er wurde schon 1868 in Betrieb genommen. Leider war die Gasbeleuchtung ein Problem: es gab mehrere Explosionen und 1869 wurde ein Bobby schwerverletzt. London verzichtete dann erst mal auf Ampelanlagen.

In Deutschland war Hamburg zwei Jahre schneller als Berlin: 1922 regelte dort die erste Ampel den Verkehr.

Das war es von der ältesten Ampel Berlins von Eurem Waschbären