Bauer, Bauer, eins, zwei, drei

Unsere Straße war in meiner Kindheit weitgehend autofrei. Nachbar Fredie fuhr ein Gogomobil, aber er fuhr nicht jeden Tag zigmal die Straße auf und ab. Ganz am anderen Ende hatte ein Mann einen großen Kombi, weil er als Versicherungsvertreter viel unterwegs war – aber er fuhr nicht „unseren“ Straßenteil entlang, sondern kam von der anderen Seite her. Der Nachbar mit dem steifen Bein fuhr ein Moped, aber damit war er auch nur morgens auf dem Weg zur Arbeit und abends auf dem Heimweg unterwegs.

Sonst waren wir Kinder Beherrscher der Straße. Wir malten unsere Hinkelkästchen aus Kreide auf die Straße, spannten unsere Gummis für Gummitwist aus, fuhren Rollschuh, spielten Fangen und Verstecken. Die Straße gehörte uns.

An Sommerabenden kamen die jüngeren Erwachsenen dazu und es wurde Brennball oder „Schweinchen jagen“ gespielt.

Die großen Jungs schlugen das lange Seil für uns kleine Mädchen und wir sprangen zu dem Vers

„Teddybär, Teddybär, dreh dich um
Teddybär, Teddybär, mach’ dich krumm
Teddybär, Teddybär, heb‘ ein Bein
Teddybär, Teddybär, das war fein“

unsere Figuren unter dem Seil.

Waren wir unter uns Kindern, gab es so viele Spiele für die Straße. Da war zum Beispiel „Bauer, Bauer, eins, zwei, drei“. Andere kennen das vielleicht unter „Ochs vorm Berg“. Ein Spieler stand mit dem Rücken zu den anderen Kindern und sagte seinen Vers auf.
Das konnte langsam, schnell oder erst ganz langsam und dann schnell werden. Also „B-a-u-e-r, B-a-u-e-r, e-i-n-s, zwei, drei!“ Während des Verses rannten die Mitspieler hinter seinem Rücken los. Dann drehte sich der Spielleiter blitzschnell um. Jeden, den er noch in Bewegung sah, konnte er rauswerfen. Wir gingen auch diskussionslos und klaglos raus, wenn der Spielleiter uns in Bewegung gesehen hatte oder es behauptete.

Ein anderes Spiel war „Mutter, Mutter, wie viel Schritt darf ich gehen?“ Ein Spielleiter, die „Mutter“, steht den anderen gegenüber. Aus der Gruppe der Spieler fragt der erste, wie viele Schritte er gehen darf. Er bekommt zugeteilt: Mäuseschritte, Riesenschritte, Känguruh-Hüpfer oder Krebsschritte. Ganz wichtig: jetzt musste zurückgefragt werden „Darf ich?“ – dann ging es mäuschenweise weiter oder mit Riesen-Hüpfern. Wer die Rückfrage vergaß, musste zurück zum Start. Der erste, der den einzelnen Spieler, die „Mutter“ erreichte und berühren konnte, war die nächste Mutter.

Auch hier gab es nie Ungerechtigkeiten, wir haben nie gestritten. Jede „Mutter“ hat jedem Frager eine gerechte Zahl an Schritten zugeteilt.

Auch „Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?“ war ähnlich. Es konnte 50 Meter tief sein oder 3 cm. Zurückfragen mussten alle auf jeden Fall „Und wie kommen wir rüber?“ Aber hier bewegte sich der Fischer mit den anderen Spielern. Wenn er sagte „auf allen Vieren“, liefen alle – Fischer und Mitspieler – auf allen Vieren auf die Ziellinie los und der Fischer musste versuchen, viele Mitspieler zu fangen. Allesamt auf allen Vieren. Wen der Fischer berühren konnte, war in der nächsten Runde Helfer des Fischers.

Gelebt haben alle diese Spiele von Frage und Gegenfrage und von der Zuteilung gerechter Schritte. Wir wären völlig verständnislos gewesen, wenn eine „Mutter“ immer nur einem Spieler große Schritte zugeteilt hätte oder wenn ein „Bauer“ Kinder in Bewegung gesehen hätte, die schon lange stillstanden. Das kam aber auch nie vor. Ich erinnere mich an keinen Streit bei unseren Straßenspielen.





Von Borkp

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