Was bleibt von den Geschichten, wenn wir sie nicht erzählen?
Ich möchte erzählen von den Omas auf unserer Straße, die auf den Treppenstufen vor der Haustür saßen und Bohnen schnibbelten oder Erbsen döppten. Es soll nicht vergessen werden, wie viele kleine Kramerläden oder Süßigkeitenverkaufsstellen in den Häusern der Bergarbeiterkolonien in den Häusern waren. Schuster Patz und die Eisverkäuferin Frau Lampfert mit ihrem weißen Pony. Bürgersteige aus Erde, in die man Löcher kratzen konnte, um Knicker zu spielen. Stromleitungen, die in Porzellan-Köpfchen am Hausgiebel endeten – ein ewiges Ziel unserer Fletscher.
Wer kennt noch den Brauch des „Röschen machen“? Wurde geheiratet, Silber- oder Goldhochzeit gefeiert, traf sich die gesamte weibliche Nachbarschaft, um aus weißem, silbernem oder goldenem Papier Röschen zu formen und an einen langen Türkranz zu binden. Anfangs gab es gesittet Kaffee und Kuchen, später flossen Liköre und Schnäpschen. Manch eine sonst so gesittete Nachbarin hatte Mühe, in gerader Linie in ihr Zuhause zu steuern.
Es soll auch nicht vergessen werden, dass in den meisten Hofeinfahrten große Bäume standen und im Garten Obstbäume Früchte trugen. Der riesige Ahorn in unserer Einfahrt war hinderlich, als das erste Auto einzog. Wie vorbeikommen an dem Monstrum von einem Baumstamm? Damals hatte man weder ein ökologisches Gewissen noch Mitleid mit einem Baumveteranen.
Apropos Einfahrt – das ist ein sehr moderner Begriff mangels Vehikeln, die dort einfahren konnten. Es gab 1968 in der Nachbarschaft ein Gogo-Mobil, ein Moped und ansonsten Fahrräder. Lieferanten kamen mit Pferdefuhrwerken, um Kohle oder Einkellerungskartoffeln zu bringen. Sogar die Entleerung der Latrine (ja, das gehörte auch dazu!) erfolgte anfangs via Pferdewagen und Eimern an langen Stangen.
Eine Müllabfuhr hatten wir auch schon 1968. Sie fuhr die Ascheeimer ab. Ein Eimer von damals rund 35 Litern Fassungsvermögen, aus Stahlblech. In ihm befand sich die Asche aus Küchenherd und (wenn überhaupt vorhanden) dem Koksofen im Wohnzimmer. Mehr Müll hatten wir nicht. Asche für den Ascheeimer und Gemüsereste für den Kompost.
Ich will bewahren, was mir im Gedächtnis geblieben ist über die Zeit nach 1968 in der Bergarbeitersiedlung. Daneben gibt es Erinnerungen an die ersten Urlaube in Südtirol, den ersten Pfirsich meines Lebens und die nie vergessenen Kipferln im Brotkorb der Pensionswirtin.