Kindertage einer Graugans (2)

Nach Süden

Nach und nach flogen alle Geschwister und die Cousinen und Cousins. Alle drehten ihre Runden über dem See und landeten spritzend und wassertretend im See. Von diesem Tag an hieß es: üben, üben, üben! Die älteren Gänse flogen mit den Jungen immer weitere Strecken, erkundeten die Seen im Umkreis, flogen zum Kebnekaise und erzählten von der Urahnin Akka.

So ging der Juni ins Land, der heiße Juli mit den vielen Mückenschwärmen ging vorüber. Der August kam und die Sonne ging das erste Mal wieder unter. Für die jungen Gänse war es die erste Nacht, die sie bewusst wahrnahmen und sie staunten über die Dunkelheit. 

Die jungen Gänse fraßen, übten fliegen, erkundeten die Umgebung, lernten die Bergnamen auswendig, hörten die Geschichten am Abend an und schliefen schließlich todmüde ein. Tag für Tag verging, die Tage wurden kürzer, die Nächte kälter, die Sterne wechselten am Himmel. Sommersternbilder zogen vorüber, die Herbststerne kamen und Anfang September verschwand tief am Horizont Arcuturus, der hellste Stern aus dem Bärenhüter. Zwei Wochen später tauchte auf der anderen Seite der rote Beteigeuze auf, der ankündigte, dass der Himmelsjäger Orion bald prächtig am Himmel erstrahlen würde.

In dieser Zeit kamen die Rentierherden näher an den See und Nyfiken hielt Ausschau nach Stor Fot, ihren großen pelzigen Freund mit dem prächtigen Geweih. Eines Morgens sah sie ihn am Ufer stehen, aufmerksam die Gänse betrachtend. Als er sie entdeckt hatte, rief er ihr schnaubend und heiser einen Gruß zu. „Wann geht es los?“, wollte er von der jungen Gans wissen. „Bald“, sagte Nyfiken. „Die Alten beobachten schon lange die Sterne.“ Stor Fot musterte Nyfiken und bewunderte ihr Gefieder. „Groß bist Du geworden – und schwer!“, er grinste sie an. „Na hör mal,“ Nyfiken war empört. Sollte sie vielleicht kurz vor dem Abflug Diät halten? Aber Stor Fot lachte nur, „schwer“ war ja ein Kompliment für eine Gans. „Du brauchst die Reserven für den langen Flug. Das wird anstrengend und so viel werdet ihr unterwegs nicht futtern können.“ Die beiden redeten noch eine Weile und verabschiedeten sich dann – bis zum nächsten Frühling!

Schaut genau hin!

Vilja und Hjelpe beobachteten die Sterne. „Es wird Zeit für den Flug nach Süden,“ sagte Hjelpe eines Abends. „Wir müssen mit den Ältesten beratschlagen.“ Die ältesten Gänse bestimmten, wann es Zeit für den Abflug wurde. Sie begutachteten die Jungvögel, betrachteten das Gefieder der älteren Gänse. Alles musste perfekt sein. Die Mauser abgeschlossen, die Flugleistung ausreichend, jeder musste gut genährt sein. Wer seine Federn nicht gewechselt hatte, wer nicht genug Gewicht zugelegt hatte, wer nicht längere Strecken fliegen konnte, alle Kranken – sie wurden zurückgelassen. Sie gefährdeten das Wohl aller. Das wussten alle und niemand murrte, niemand klagte.

In diesem Jahr blieb nur ein Paar zurück, die Gans hatte sich im Sommer den Flügel verletzt und es war nie richtig geheilt. Ihr Gatte blieb bei ihr, sie würden vielleicht später nachkommen. Ihre Jungen gaben sie in die Obhut von Onkeln und Tanten, sie würden mit den anderen Gänsejungen fliegen. „Fliegt! Wir kommen nach, wenn wir können und treffen uns dann im Wattenmeer. Wir finden Euch.“ Die Kinder nahmen Abschied, traurig, aber in dem Wissen, dass es so gut war. So war es immer. Wer fliegen kann, fliegt. Muss fliegen. Wer nicht fliegen kann, bleibt zurück. Muss zurück bleiben.

Vormittags stiegen die Scharen auf, drehten Kreise, weiter und weiter. „Schaut gut hin, junge Graue!“ riefen die Alten. „Schaut genau hin!“ Und sie zählten in einem immer wiederholten Singsang die Berggipfel auf: „Kebnekaise, der Vergletscherte mit seinen zwei Gipfeln! Kaskasatjåkka über dem Tarfala-Tal! Der schroffe Tuolpagorni! Schaut genau hin!“ Sie überflogen mehrfach ihren See und wieder ertönte der Singsang: „Laukkujärvi, unser See. Schaut genau hin, wie langgestreckt er ist! Der breite Holmajärvi-See direkt danach. Seht den Kalixvälven, der dem Meer zuströmt! Schaut genau hin!“

Das war das Lied der alten Gänse, damit die Jungen später ihren Weg zurückfanden. Hier waren sie aus dem Ei geschlüpft, hier hatten sie das Dunenkleid gegen die Jugendfedern getauscht, hier hatten sie gefressen und geruht und das Fliegen geübt. Hier würden sie ihre eigenen Jungen großziehen.

Die Scharen landeten wieder, kamen zurück und verbrachten den Tag nochmal im vertrauten See. Das wiederholte sich immer wieder und wieder. „Schaut genau hin!“ tönte es von allen Seiten und die jungen Gänse prägten sie sich ein, die Doppelspitze des Kebnekaise, die schroffe Flanke Tuolpagorni, den langgestreckten Laukkujärvi.

In der Nacht lehrten die Alten sie die Sternbilder: die doppelköpfigen Zwillinge, noch am Horizont; der große Bär, der den Himmelsnordpol ewig umkreiste; die zweispitzige Cassiopeia an der Seite des hellen Bandes, der Milchstraße; der kleine, verwaschene Fleck der Andromeda.

Und dann kam ein wunderschöner Morgen. Der Himmel glühte rotgolden, der Wind wehte sachte von Norden, die Gänse stiegen und sammelten sich familienweise und dann flogen sie. Nach Süden. Nach Süden. Nach Süden. Die Zurückgebliebenen sahen ihnen nach: „Kommt gut an! Wir folgen! Wir folgen!“ rief es von unten. „Wir warten! Wir warten! Im Watt! Auf den Inseln!“ tönte es von oben.

Aufbruch

Fast 2000 Kilometer Flug lagen vor den Gänsescharen. Die Schar von Vilja und Hjelpe nahm die Route über Norwegens Küste bis Trondheim, dann bogen sie ins Landesinnere ab, umflogen die hohen norwegischen Berge und hielten auf Oslo zu. Das war eine große Stadt, hell erleuchtet und so laut, dass sogar die Gänse hoch im Himmel den Lärm hören konnten. Nach Oslo kam das Meer, das Jütland von Skandinavien trennte. Die Menschen nannten die Meeresstraße Skaggerak, die Gänse sprachen von dem „litet vatten“, dem kleinen Wasser. Ab da ging es wieder zur Küste und sie flogen die letzten Kilometer nur noch kurze Strecken, machten viele Pausen und kamen schließlich in Rømø an, ihrem ersten Zwischenziel. Einige Gänse würden dort bleiben, andere würden weiter nach Süden fliegen. Vilja und Hjelpe waren noch unentschieden. Das würden sie entscheiden, wenn sie auf Rømø waren. Wichtig war, was Tomte, der Wichtel, ihnen raten würde. Sie vertrauten ihm völlig, er hatte Generationen von jungen Graugänsen unterrichtet und kannte sich aus mit Menschen, dem Wetter und der See. 

Der erste Tag war aufregend für die jungen Gänse. Zum ersten Mal verließen sie das Gebiet um den Kebnekaise, langsam verschwand der große Berg mit der vergletscherten Doppelspitze hinter ihnen. Immer wieder guckten sie zurück, bis er nicht mehr zu sehen war. Jetzt waren nur noch unbekannte Seen und Berge unter ihnen. Von links und rechts riefen die alten Gänse die Namen aus: „Schaut genau hin! Der langgestreckte See Sitasjaure.“

Mutter Vilja führte, dahinter reihten sich zwei Ketten wie ein großes V. So hatten sie es geübt, sie mühten sich alle, exakt Mutters Windschatten zu folgen. Hjelpe flog eine Weile hinten, wechselte dann an die vordere Position und Vilja ließ sich etwas zurückfallen. Sie munterte alle auf, lobte hier, korrigierte dort die Position, erklärte die Namen die Seen, über die sie flogen und grüßte nach links und rechts zu anderen Scharen.

Am ersten Tag flogen sie nur bis zum Fustvatnet, einem See an der norwegischen Küste. Die aufgeregten Jungvögel hatten genug vom Formationsflug, hatten Hunger und waren so neugierig, ob es auf diesem See genauso war wie zuhause. Eine Schar nach der anderen setzte zur Landung an, die älteren Gänse betrachteten nachsichtig die Jüngeren. Aufgeregt schnatternd erzählten die Jungen, was sie alles gesehen hatten, mischten sich unter die  Cousinen und Cousins, wollten wissen, ob die auch den Dampfer gesehen hatten und die Eisenbahn und und und….

Rufe ertönte von hoch oben. „Gute Reise! Gute Rast! Sind hier Scharen von Kebnekaise?“ Einige ältere Gänse reckten die Hälse, grüßten nach oben und riefen ihre Namen, ihre Scharen, ihre Herkunft. Göta vom Uddjaur, Hildis vom Gikasjön, Siska vom Limingen, so rief es durcheinander. Vilja spähte nach oben, durchforschte die kreisenden Scharen und reckte dann ihren Hals. Hell klang ihre Stimme nach oben: „Vom Knebekaise sind die Scharen hier! Vilja und Hjelper und ihre Verwandten!“ Sofort setzte zwei, drei Scharen zur Landung an. Hier kamen Verwandte, die hoch im Norden Norwegens brüteten, aber Akka von Knebekaise zur Urahnin hatte – Muhmen, Oheime, Basen und Vettern, Großnichten und -neffen. Ein großes „Hallo“, ein „Zum Glück seid Ihr alle gesund!“, ein Fragen nach diesem und jenem. Die Jungvögel wurden vorgestellt und versteckten sich verschämt hinter den älteren Verwandten.

Wer fehlte, wer war nicht dabei, wer musste zurückgelassen werden? Es wurde berichtet über eine Flügelverletzung, ein gebrochenes Bein, ein verlorenes Gelege, der Polarfuchs hatte Onkel Rolig getötet, aber zum Glück waren fast alle da. Gesund, wohlgenährt, mit glänzendem Gefieder.

Langsam kehrte Ruhe ein, man fraß, putzte sich und allmählich schlief eine Familie nach der anderen ein. Die jungen Gänse träumten vom Fliegen, streckten noch im Schlaf die Flügel, schnatterten leise und schliefen endlich tief und fest. Bewacht von einigen Gantern und Gänsen, die wachsam die Nacht durchforschten. Kein Fuchs hatte eine Chance, den vielen Augen zu entgehen. Kein Uhu blieb unentdeckt, so tief ins Gras konnte sich kein Marder drücken – die Gänse wachten.

Am nächsten Morgen wurden im Morgengrauen nacheinander alle wach, jede Familie rief ihre Mitglieder zusammen. Man hörte hier eine Mutter nach einem Nachzügler rufen, dort schimpfte ein Vater mit einem Halbwüchsigen, der sich irgendwo herumtrieb. Großeltern beantworteten geduldig tausend Fragen nach dem „Wann“ und „Wo“ und „Wohin“. Allmählich rüsteten sich alle zum Weiterflug und eine Schar nach der anderen stieg wieder auf. Die nächste Etappe war etwas weiter und sollte bis zum Trondheimfjord führen. Ein paar Gruppen hatten schon angekündigt, dass sie direkt weiterfliegen würden bis zum kleinen Wasser. Vilja und Hjelper wollten aber lieber eine Zwischenstation machen.

Am Trondheimfjord

Vom Fustvatnet bis zum Trondheimfjord kamen sie schon schneller voran, die jungen Gänse gewöhnten sich an das Fliegen und ermüdeten nicht mehr so schnell. Trotzdem wollte Vilja lieber eine Pause einlegen und alle drehten langsam bei. Auch die Gänse, die gestern aus Norwegen dazugestoßen waren, setzten zur Landung an. Es gab so viel zu erzählen!

Einige ältere nutzten die Zeit, um mit den Jungen eine Erkundungsrunde zu fliegen. Das Wetter war immer noch schön, der Himmel blau und der Wind mild. Bald tönte das vertraute „Schaut genau hin!“ aus der Luft. Aus der Schar von Vilja und Hjelper flogen alle mit, Nyfiken flog direkt hinter der Leitgans. „Sie werden selbständig,“ lächelte Vilja und schaute nach oben. Alle elf flogen wie selbstverständlich in einem großen V hinter einer der älteren Gänse aus Norwegen. Sie sahen die kleine Insel Froan draußen im Meer, das Dörfchen Hammarvika auf der Insel Hitra, das Flüsschen Gaula und die hellen Hügel von Forollhogna. „Schaut genau hin!“ riefen die alten Gänse und die Jungen prägten sich alles ein.

Hier verließen sie die Küste und kamen ins Landesinnere, vor ihnen ragten die Küstengebirge Norwegens in die Höhe mit ihren engen Fjorden und den schroffen Wänden. Das war kein gutes Gänsegebiet, das vermieden sie. Ab  hier bogen sie ab in die niedrigeren Gebiete, die von Menschen dichter besiedelt waren.

Am Abend waren die jungen Gänse nicht ganz so müde. Sie blieben wach und hörten aufmerksam den Besprechungen der Älteren zu. Bald würde sie ihre Route über die Große Stadt führen. Darunter konnten sich die jungen Gänse noch nichts vorstellen. Sie hatten Bauernhöfe gesehen, kleine Fischerdörfer und einige größere Ansiedlungen von Menschen. Aber eine Stadt?

Nyfiken hatte schon mitbekommen, dass eine Stadt etwas war, wo viele Menschen wohnten. Sie hatte bisher schon einige Menschen gesehen: Zweibeiner, die in stinkenden und lauten Dingern herumrollten. Wenn sie aus den Dingern herauskamen, hatten sie schwere Säcke auf dem Rücken und stapften auf die  Berge. An ihrem See wohnten auch Menschen in großen, eckigen Dingern aus Stein, aus denen oben Rauch heraus kam, der stank. Und manchmal kamen die Menschen auf den See in schmalen, langen Dingern und stecken Stöcke ins Wasser.

Also war eine Stadt auf jeden Fall etwas, das stank. Nyfiken stellte sich vor, wie überall diese stinkenden, lauten Dinger herumrollten und die Menschen in die eckigen Steindinger stapften, aus den stinkender Rauch herauskam. 

Am frühen Morgen flogen die Scharen, die über die große Stadt und das kleine Wasser fliegen wollten, fort von der Küste in das Innere des Landes. Die Scharen mit halberwachsenen Gänsen oder solchen, die keine Jungen führten, folgten der Küste. Das Ziel von Vilja und Hjelper war der See Hurdalssjøen, der noch nördlich der großen Stadt lag. Dort würden sie die Nacht und den folgenden Tag verbringen und dann in der Nacht über die Stadt und das kleine Wasser fliegen.

Der Flug über Oslo

Am Nachmittag erreichten sie den See, badeten, dösten auf dem Wasser, fraßen frisches Gras, flogen ein paar Runden, landeten wieder auf dem Wasser. Die Nacht war ruhig und Nyfiken schlief tief und fest bis nach Mitternacht. Dann wachte sie auf, weil hoch am Himmel andere Vögel riefen, die auf der Reise waren. Sie hörte Lieder und Gelächter, Rufen und Antworten. Sie betrachtete den Himmel, das waren die Sternbilder, die den Winter kündeten: Orion, der Himmelsjäger, stand am Horizont; das geflügelte Ross Pegasus war hoch über ihr. Und da waren Kassiopeia und der verwaschene Flecken der Andromeda. Die Gänse hatten keine Namen für die Sternbilder, aber Nyfiken kannte sie – die Kassiopeia wies die Richtung zum Kebnekaise, der Adler zeigte die Richtung der Weiterreise an. Staunend sah sie Sternschnuppen fallen, horchte, schnupperte, nein, das war keine Gefahr. Und über ihrem Staunen schlief sie wieder ein.

Den ganzen nächsten Tag verbrachten sie hier. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel, aber es wurde merklich kälter und der Wind frischte auf. Andere Gänsescharen kamen, nicht nur von ihrer Art. Es waren auch die großen Saatgänse dabei, die einen langen Weg aus dem hohen Norden hinter sich hatten. Sie grüßten freundlich und mischten sich unter die kleineren Verwandten. Einige waren bekannt mit Vilja und Hjelper, es war ein großes Willkommen und ein endloses Erzählen. Nyfiken hielt sich dicht an die Erwachsenen, sie war zu neugierig!

Auch Gänse mit schwarzen Köpfen und weißen Wangen, kleiner als die Grauen, gesellten sich dazu. Vilja erklärte später, dass es Weißwangengänse waren, die aus dem eisigen Spitzbergen und aus dem äußersten Norden kamen. „Ihr habt es gut,“ erzählte sie, „ihr könnte aus dem Nest einfach auf die Wiese spazieren und zum See laufen. Die Kinder der Weißwangengänse werden ganz hoch auf einer steilen Klippe geboren. Kaum dass ihr Dunengefieder trocken ist, springen sie von dort herunter.“ Nyfiken und ihre Geschwister waren entsetzt und betrachteten die kräftigen jungen Weißwangengänse mit Respekt und Ehrfurcht. Aber die waren lustig und fröhlich und fanden keinesfalls, dass dieser  Sprung etwas Besonderes war. Sie wollten lieber hören, was die Graugänse über die Menschen erzählen konnten und fanden kein Ende beim Fragen nach Straßen und Eisenbahnen und wieso es da unten so hell war, mitten in der Nacht.

Als es Abend wurde, fanden sich die Familien wieder und besprachen, wer heute Nacht fliegen würde und wer hier blieb. Man verabschiedete sich, verabredete Treffpunkte und dann ging es für Vilja und Hjelper und ihre Kinderschar zusammen mit vielen, vielen anderen Familien los. Nach Süden.

Der Nordwind war stärker geworden, er brachte Kälte und den Geruch nach Schnee mit sich. Der Himmel war klar, die Sternbilder des frühen Winters erstrahlten deutlich. Das lange Band der Milchstraße zog sich quer über den Himmel und mittendrin flog der majestätische Schwan in ihre Richtung: nach Süden. Nyfiken sah immer wieder zu ihm hoch, sie stellte sich vor, dass er ihnen vorausflog und die Richtung wies.

Bald erstrahlte in der Ferne am Boden ein heller Fleck, wurde größer, heller, lauter. Die jungen Gänse rückten dichter zusammen, aber die Eltern flogen zielstrebig weiter. Gefahr schien nicht zu drohen, trotz des Lärms von unten, trotz der grellen Lichter und des Gestanks. „Das ist Oslo,“ rief Hjelper und ließ sich zurückfallen. Er reihte sich in die Schar seiner Kinder ein. „Die große Stadt der Menschen. Es ist ungefährlich, wenn wir hoch darüber fliegen. Fürchtet Euch nicht!“ Von allen Seiten hörten sie die älteren Gänse rufen „Fürchtet Euch nicht!“ und sie flogen, flogen über die große Stadt, die kein Ende zu nehmen schien.

Dann war sie plötzlich zu Ende. Das Licht war weg, es erlosch nicht langsam, es war weg. Nyfiken fand das seltsam. Anfangs war das Licht und der Lärm langsam angestiegen, schwoll zu einem Inferno und jetzt war es dunkel und still. Hjelper erklärte ihr, dass die große Stadt an der Küste lag und die Menschen nur auf dem Land sein konnten. Wasser war immer das Ende von Licht und Lärm und Gestank und den Menschen. Auch das fand Nyfiken seltsam, warum schwammen die Menschen nicht im Wasser?

Sie flogen hinaus auf den Oslofjord, weiter und weiter bis zum Kleinen Wasser. „Das ist das Meer“, rief Hjelpe. „Und vor uns seht ihr bald das nächste Land.“ Bald hörten sie wieder den vertrauten Gesang „Schaut genau hin!“ Und sie schauten genau hin, hinter sich das bergige Land voller Fjorde und Gletscher, vor sich eine flache, schmale Ebene. „Schaut genau hin! Das ist Jütlands Küste, schaut genau hin!“

„Wir bleiben heute im Limfjord“, bestimmte Vilja. „Ich will mit den Kindern am Morgen nach Rømø fliegen. Sie sollen das Wattenmeer und die Inseln im hellen Sonnenschein sehen.“ Andere Scharen flogen in der Nacht weiter, sie wollten schnell die Inseln im Wattenmeer erreichen. Ihnen war es egal, ob man in finsterer Nacht oder am hellen Morgen ankam – Hauptsache, diese Reise fand ihr vorläufiges Ende und sie waren in Sicherheit auf einer Hallig oder einer Insel oder auf dem endlosen Deich.

Vilja und Hjelme flogen nur noch ein kurzes Stück und landeten dann im weitläufigen Limfjord, der den Nordteil Dänemarks vom Festland trennt. Viele der Scharen, die schon viel weiter aus dem Norden geflogen waren, rasteten hier ebenfalls mit ihrer Kinderschar. So war der Limfjord bald bevölkert von Graugänsen vom Kebnekaise oder von der Nordspitze Norwegens, von Weißwangengänsen aus Sibirien und den Zwerggänsen aus Spitzbergen, auch die großen Bless- und die dunklen Saatgänse gesellten sich mit ihren Kinderscharen dazu. Ein paar Scharen Graugänse kamen aus Finnland und nannten sich nach dem finnischen Namen „Metsähanhi“ – das heißt Waldgänse. Denn in Finnland brüteten die Graugänse nicht auf weiten, offenen Grasflächen, sondern an verborgenen Waldseen.

Nyfiken fand das alles spannend, Sie schwamm im Limfjord mit den anderen Gänsen und hörte fremde Sprachen, lauschte den Erzählungen der jungen Gänse aus Spitzbergen über Eisbären und Rentiere, staunte immer noch über den  Sprung der jungen Weißwangengänse hoch von den Klippen und ließ sich von einer jungen Tundra-Saatgans erzählen, wie die baumlose Tundra aussieht.

 

  

Kindertage einer Graugans (1)

Neugieriges kleines Gänsemädchen

Laja ist eine Graugans aus dem berühmten Geschlecht der Akka von Kebnekaise, die den in einen Kobold verwandelten Nils Holgersson in ihrer Schar geduldet hat. Aber das ist eine andere Geschichte, die man in Ruhe hören muss.

Der Kebnekaise ist der höchste Berg Schwedens. Er ragt zweitausend Meter in den Himmel, seine Doppelspitze ist karg und von Gletschern gekrönt. Rund um den Kebnekaise gibt es große Seen und eine weite Landschaft mit nahrhaftem Gras.

Laja ist am langgestreckten See Laukkujärvi südlich vom Kebnekaise Ende April aus dem Ei geschlüpft. Ihre Mutter ist Vilja, die Gütige, und ihr Vater heißt Hjelpe. In diesem Jahr hatten die beiden acht eigene Küken und dazu noch drei Küken von Viljas ältester Tochter. Elf Küken schwammen in einer Reihe hinter der Mutter her, Hjelpe bildete den Schluss und bewachte stolz seine große Schar. Von nah und fern grüßten die Gänse ihn, neigten die Hälse und bewunderten Vilja und ihn.

Der Frühsommer war mild und sonnig, frisches Gras spross an den Ufern und die kleinen Gänse wurden von ihren Eltern zu den nahrhaftesten Stellen geführt. Sie probierten die Spitzen der Gänseblümchen, fraßen nur die feinsten Gräser, versuchten junge Kräuter und wuchsen dabei prächtig. Bald hatte jedes sein Lieblingsgras oder -kraut. Hjelme stand mit hoch erhobenem Kopf da und beobachte die Umgebung. Kein Fuchs, kein Adler sollte seinen Kindern zu nahe kommen. Die Gänschen lernten, auf den Warnruf von Vater oder Mutter schnell Schutz bei den Eltern zu suchen und regungslos auf die Entwarnung zu warten. An Land drückten sie sich fest an den Boden und wagten kaum, zu atmen. Auf dem Wasser drängten sie sich eng an die Eltern, zogen die Köpfchen ein und lugten vorsichtig nach der Gefahr.

Noch hatten die Gänsejungen keine Namen. Ihre Eltern rufen sie „poijke“ (Bübchen) oder „flicka“ (Mädel). Ihren richtigen Namen bekommen sie erst später, sie müssen ihn verdienen. So hat Hjelpe seinen Namen bekommen, weil er einen Knoten gelöst und einen jungen Ganter von einem Strick befreit hat. Ein wahrer Helfer, fanden die Gänse, und gaben ihm seinen endgültigen Namen „Hjelpe, der Helfer“. Vilja hat gleich in ihrem ersten Jahr als Mutter ein verwaistes Entenküken in ihre Schar aufgenommen und ihm alles beigebracht, was es wissen musste. Sie half, wo sie konnte und bekam schon als ganz junge Gans den Name „Die Gütige“.

Abends wurde bei den Gänsen immer viel erzählt: von den langen Reisen, die sie im Frühjahr und Herbst unternahmen, von den Inseln im Wattenmeer und dem großen Elbestrom, von den Windrädern, die man umflog und natürlich von der ehrwürdigen Akka von Kebnekaise und ihrer Reise mit Nils Holgersson. Es wurde geschnattert bis endlich alle müde wurden und die Köpfe unter den Flügeln bargen.

„Können alle Menschen mit uns reden?“ wollte eine kleine Gans wissen. „Werden wir auch Menschen treffen, die sich mit uns unterhalten?“

Vilja betrachtete das Küken und lächelte. „Liten nyfiken tjej, kleines neugieriges Mädchen. Nein, wir werden keine Menschen treffen, die uns verstehen. Es sei denn, es wurde wieder ein ungezogener kleiner Menschen-Bub in einen Kobold verwandelt. Nur Kobolde und Wichtel können mit uns reden. Menschen verstehen uns nicht.“

„Treffen wir Kobolde?“

„Wir werden Wichtel treffen auf unserer Reise. Sie fliegen gerne mit uns und wir nehmen sie gerne mit. Sie wissen viel und berichten uns, was in der Welt der Menschen alles passiert.“

„Wann treffen wir die Wichtel? Wo leben sie? Wie heißen sie? Nehmen wir auch einen mit? Und …“

Vilja lachte herzlich, so viele Fragen auf einmal. Von dem Tag an nannten alle die neugierige kleine Gans Nyfiken. Aber das war noch nicht ihr endgültiger Name.

Der erste Flug

Nyfiken wuchs mit ihren vielen Geschwistern, Cousinen und Cousins heran, schwamm mit den Eltern, Tanten und Onkeln auf dem See und wurde größer und kräftiger. Die Tage wurde länger und länger und bald ging die Sonne gar nicht mehr unter. Sie stieg vom Horizont hoch an den Himmel, neigte sich wieder dem Horizont zu und noch bevor sie dahinter verschwinden konnte, stieg sie wieder hoch. Das ist der Polartag, den es nur ganz im Norden gibt. Das geht am Kebnekaise so von Juni bis Ende Juli.

Anfang Juni war das weiche, flauschige Dunenkleid schon verschwunden und durch grau-braune Jugendfedern ersetzt worden. Alle Geschwister übten fleißig, mit ihren Flügeln zu schlagen und bald fühlten sie den Wind unter den Schwingen. Mitte Juni war es soweit: Nyfiken fühlte, dass sie heute das erste Mal fliegen würde. Sie schlug mit den Flügeln und dann lief sie los. Die Wiese war weich unter ihren Füßen, der Wind griff milde unter ihre Federn, sie lief, lief, lief und dann schwebte sie! Erschrocken sah sie nach unten. „Schlag mit den Flügeln“, rief ihr Vater, „schlag, schlag!“ Und sie schlug und flog und schlug und flog. Ihr Herz machte einen Hüpfer! Sie flog! Sie flog! Der Wind rauschte in ihren Federn, griff unter ihre Flügel, ihr Herz pochte.

„Und wie komme ich jetzt wieder runter?“ bang sah Nyfiken nach unten. Da hörte sie einen ruhigen, kräftigen Flügelschlag, ihr Vater flog dicht neben ihr. „Schlagen,“ sagte er ruhig. „Atmen, schlagen, atmen, schlagen. Nach vorne gucken nicht vergessen. Mein kleines Mädchen macht das gut.“ Nyfiken musste an so viel denken: schlagen, atmen, nach vorne gucken, schlagen, weiter schlagen. „Papa, wie komme ich runter?“

Er schaute vergnügt zu ihr herüber und gluckste leise. Das war auch seine Angst beim ersten Flug gewesen. „Kippe die Flügel ein wenig nach hinten, nur ganz wenig. Jetzt drehen wir zusammen nach links. Langsam, sachte, sachte. Jetzt die Füße vorstrecken, weit nach vorne.“ Nyfiken versuchte es, eine kleine Kurve gelang ihr, ihr Vater war dicht neben ihr und sie wurde langsamer, sie sank. Mit vorgestreckten Füßen kippte sie automatisch nach hinten. „Wir landen auf dem See,“ hörte sie ihren Vater sagen. Es rauschte in ihren Ohren, das Wasser kam näher, das Wasser war vertraut, sie liebte das Wasser … wuuuuusch! Sie war im Wasser, prustend und schnaubend und glücklich. So glücklich! „Papa, Mama! Ich bin geflogen! Geflogen!“

Kleine Freunde, große Freunde

Lilla röd, das muntere Rotkehlchen mit der roten Brust, sang lautstark von einer kleinen Fichte über Nyfikens ersten Flug. „Sie ist geflooooogen! Gratuliere!“, schmetterte sie, „Gratuliiiiiieeere! Das war ein sehr schöner Flug.“ Ihre Brustfedern sträubten sich vor lauter Freude und ihre Flügel zitterten leicht. Mit schwarzen glänzenden Augen sah sie zu ihrer großen Freundin herunter. „Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis ihr fortfliegt.“

„Kommst Du mit?“, wollte Nyfiken wissen. Aber Lilla röd sträubte ihre Feder und schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Ich komme nach, wenn ich hier keine Beeren mehr finde. Wenn der Schnee ganz hoch liegt und der Wind vom Kebnekaise fegt. Dann fliege ich mit meinen Freunden auch fort.“ Lilla röd versprach, dass sie sich im Winter sehen würden. Sie war schon im letzten in einem kleinen Dorf an der Küste gewesen und hatte es sich im Garten eines Reetdachhauses gut gehen lassen. Jetzt schwärmte sie Nyfiken von Beeren vor, die dort wuchsen und von freundlichen Menschen, die extra weiche Haferflocken – „ganz in Öl getränkt!“ – auslegten.

„Chirrrrrp! Drrrrriddddl! Gut bissssst Du geflogen! Trrriiii! Wirrrrr haben Dich gesssssehen!“ riefen die Mehlschwalben von hoch oben. Eine flitzte ganz nah an Nyfiken vorbei, sauste hoch, tauchte wieder herab und landete schließlich in der Nähe von Lilla röd auf einem Zweig. „Wirrrrrrr fliegen bald ab, einige meiner Kusinen sind schon vorrrrrrrrrrr zzzzzzwei Tagen fort.“ „Wo fliegt ihr hin, sehen wir uns im Winter?“ fragte die Graugans. Aber die Schwalbe lachte, sie flogen viel, viel weiter. Über das kalte Land, dann hoch über das Schneegebirge, hinunter zum großen Fluss, über das warme Meer, über das heiße baumlose Land, bis zu den feuchten und immer warmen Grasebenen. Nyfiken machte große  Augen, das konnte sie sich nicht vorstellen. „Wie findet ihr dahin? Und findet ihr den weiten Weg wieder zurück zum Kebnekaise?“ Nyfiken sah ängstlich ihre kleine Freundin an. Die zuckte aber nur mit den Flügeln. „Wirrrrr wisssssen esssss.“ Aber erklären konnte sie es nicht. Sie wussten einfach, wohin sie fliegen mussten, wie lange sie unterwegs sein mussten und wann sie angekommen waren.

„Ich, ich, ich komme zu Euch, juchhe!“ tirilierte ein Buchfink. „Hier, hier, hier wird es kalt, so kalt.“ Eifrig nickend trippelte er auf einem waagerechten Ast hin und her. „Tik! Tik! Hört Ihr mich? Ich fliege auch in die Gärten am Meer. Tik! Tik!“ Seine rote Brust leuchte in der Sonne, die weißen Abzeichen auf den Flügeln blitzten. Er sah schmuck aus, der junge Buchfink-Mann. Und das sang er auch jeden Tag viele Male „Hab, hab, hab ich nicht so schöne Farben!“ oder „Schau, schau, schau, ich bin ein schöner Mann!“

Nyfiken lächelte über den aufgeregten Buchfinken. „Das ist fein, dann sehen wir uns ja vielleicht im Winter. Wisst Ihr, wer sonst noch fliegt?“ Lilla röd zählte auf: die Bergfinken flogen meistens, aber die kleinen Blau- und die großen Kohlmeisen blieben hier, auch der bunte Specht blieb. Der Rotschwanz mit seiner Familie, alle Schwalben, die winzigen Zaunkönige und die so wunderschön singende Singdrossel zogen aber alle nach Süden. Manche blieben in der Nähe, so wie Lilla röd, das Rotkehlchen. Andere zogen weiter, wo es wärmer war. Zum Mittelmeer, so sagte man – was immer das für ein Meer war. Jedenfalls war es wärmer, viel wärmer als hier. Einige wenige flogen so weit wie die Schwalben, der Kuckuck gehörte auch dazu.

Und manchmal machten sich die prächtigen bunten Seidenschwänze auf den Weg nach Süden, dann liefen die Menschen zusammen und bewunderten die wunderschönen Vögel. Stahlgrau das Gefieder, leuchten gelb die Schwanzspitze, schwarze Augenbinden und eine schwarze Kehle, eine rostrote Brust – ach, so schön! Nicht nur die Menschen schwärmten die Seidenschwänze an, ihnen flogen auch die neidischen Blicke der unscheinbaren Vögel zu und so manch ein junges Reh träumte davon, auch so, so, so schön zu sein.

Nyfiken dachte lange darüber nach, wie das sein würde, wenn so viele abflogen. Dann würde es hier sehr still werden. Das war traurig für die Tiere, die hierblieben. Wenn sie vor dem Abflug noch Stor Fot, das Rentier, treffen würde, wollte sie ihn fragen. Stor Fot hieß so, weil er als junges Ren mit seinen großen Füßen fast eine brütende Gans aus Viljas Schar platt getreten hätte. Die hatte mächtig geschimpft, ob er nicht achtgeben könne, der Rüpel! Sie konnte gar nicht mehr aufhören, sie aufzuregen. Stor Fot hatte sich sehr geschämt, dass er so unachtsam war und sich ganz oft entschuldigt. Er wurde ganz rot, seine Nase wurde rot, so sehr schämte er sich. In Zukunft war er ganz besonders achtsam, wohin er seine Füße setzte und jedes Mal, wenn er sie ansah, schämte er sich wieder über seine großen Füße. So wurde er unter den Graugänsen von Viljas Schar bekannt als „das freundliche junge Rentier mit den großen Füßen“. 

Wie sich wohl alle zurechtfinden würden? Der junge Kuckuck zum Beispiel flog ganz alleine, davor gruselte sich Nyfiken ordentlich. Sie war immer in der Schar und Mama und  Papa und die ganzen anderen Gänse sorgten dafür, dass sie richtig flogen.

Aber Herr und Frau Kuckuck waren schon seit einigen Wochen fort. Sie hatten ihren Sohn bei den Gartenrotschwänzen aufziehen lassen. Alle lachten über die Gartenrotschwänze, die ganz winzig gegenüber dem dicken großen Kuckuckskind aussahen. Soviel Futter wie ihr Pflegling brauchte! Das konnten die zwei kaum herbeischaffen. Trotzdem waren sie stolz auf ihren „Sohn“. Oft saß Vater Gartenrotschwanz auf einem Busch und sang ein Lied über seinen wundervollen Sohn.

Der junge Kuckuck saß jetzt alleine auf einem Ast, bettelte immer noch seine Pflegeeltern an und wartete darauf, dass er kräftig genug zum Abflug wurde. Er übte das Fliegen genauso wie die jungen Gänse, schlug kräftig mit seinen grauen Flügeln und putzte sorgfältig sein Gefieder. Bei seinen ersten Übungsflügen flüchteten alle kleinen Vögel in Deckung, denn er sah mit seinen spitzen, sichelförmigen Flügeln wie ein gefährlicher Greifvogel aus. Wenn er bereit war, würde er ganz alleine seinen Weg finden. Über das Land, das Meer, das trockene Land – Nyfiken schüttelte sich und schwamm eilig zu ihrer Familie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wichtelfluglinie

Nach der Weihnachtszeit müssen alle Weihnachtswichtel wieder heim nach Dänemark, Schweden, Norwegen oder gar nach Island. Anders als manche Naturgeister brauchen Wichtel eine Reisemöglichkeit, so wie die Klabautermänner oder Heinzelmännchen. Klabauter nehmen das nächste Schiff, Wichtel und Heinzelmännchen können kurze Strecken auf einem Kaninchen oder einem Wiesel reiten, auch Rehe oder Rentiere nehmen das kleine Volk mit. Weite Strecken legen besonders die Wichtel mit den Vögeln zurück. 

Am Beginn der Wichtelzeit Ende November und Anfang Dezember können die nordischen Wichtel auf einen sicheren Transport mit den Zugvögeln rechnen. Es fliegen ständig Gruppen von Grau- und Weißwangengänsen, von Großen Brachvögeln, Pfuhlschnepfen oder Singschwänen nach Süden ab. Alle nehmen gerne eine Wichtel mit, denn der erzählt während des Fluges lustige Geschichten, weiß oft über neue Gefahren auf dem Reiseweg zu berichten und unterrichtet obendrein die Jungvögel. In den Flugpausen schart der Wichtel alle um sich, die erst in diesem Sommer geschlüpft sind und bringt ihnen das ABC der Naturkunde bei. Sie lernen die Gesetze der Wildnis von ihm, hören die Grundzüge der Menschenkunde und bekommen Unterricht in den verschiedenen Sprachen der Tiere.

Für das Ende der Wichtelzeit am 24. oder 25. Dezember muss allerdings ein Rückflug organisiert werden. Um diese Zeit fliegen die Zugvögel nicht mehr nach Norden, alle wollen in ihre Winterquartiere nach Süden! Damit aber trotzdem jeder Wichtel von seiner Menschenfamilie wieder heim in seine eigene Wohnung kommt, hat sich die Wichtelfluglinie gebildet. Sie besteht aus einigen Transportgänsen, die das Gepäck aufsammeln und zustellen und größeren Vögeln, die mehrere Wichtel auf einmal transportieren können, oder kleinen Vögeln, die wie ein Privat-Jet nur einen Wichtel mitnehmen. Darum seht ihr manchmal Ende Dezember Vögel in die falsche Richtung fliegen – nicht nach Süden, sondern nach Norden. Wenn Ihr ganz genau hinschaut, seht ihr, dass die Vögel eine Manschette tragen, auf der „Wichtelfluglinie“ steht und vielleicht seht ihr sogar die eine oder andere rote Mütze eines Wichtels.

Meistens sind das junge Gänse oder Schwäne, die noch keine Familie gegründet haben. Sie sind ungebunden, abenteuerlustig und nutzen die Gelegenheit, noch mehr Unterricht zu bekommen. Manchmal melden sich auch ältere Vögel, die keine Verantwortung mehr für das Jungvolk tragen und im Winter keine Pflichten haben. In der Wichtelfluglinie kann sich jeder eintragen lassen. Sie werden gefragt, wie viele Wichtel sie tragen und wie lange sie nonstop fliegen können. Auch bevorzugte Routen können sie angeben und manch einer trägt auch einen Wichtel ein, den er jedes Jahr erneut abholt und heimfliegt. 

Neben den großen Gänsen und Schwänen, die oft drei oder vier Wichtel auf einmal befördern, gibt es auch junge Seeadler und Mäusebussarde, die mehrere Wichtel tragen können. Ein Seeadler schafft es leicht, bis zu acht Wichtel auf seinem Rücken sicher unterzubringen. Kleinere Vögel wie Kiebitze, Tauben oder Enten übernehmen nur einen Wichtel. Ganz kleine, leichte Wichtel können auch mit Fichtenkreuzschnäbeln oder Seidenschwänzen fliegen.

Abflugzeiten und Boardingpass
Boardingpass und Abflugzeiten

Ein Wichtel muss bereits beim Hinflug zu seiner Menschenfamilie angeben, wann er wieder zurückfliegen möchte. Das kann der 24. Dezember oder der 25. Dezember sein. Ihm wird dann ein paar Tage vor Abflug mitgeteilt, wo der nächste Abflugpunkt ist und wann er zum Checkin erscheinen muss. Bei uns ist der Abflug am großen Hügelgrab auf der Pferdekoppel. Bis dahin kann der Wichtel laufen, er hat zwar kurze Beine, aber ein Wichtel läuft schnell, viel schneller als ein Mensch.

Am Abflugzeitpunkt wartet dann der gebuchte Vogel auf den Wichtel, manchmal sind auch mehrere Vögel da und nehmen die Wichtel aus der ganzen Umgebung auf. Wird nur ein Wichtel pro Vogel transportiert, geht es nonstop bis zur Wichtelwohnung. Reisen mehrere Wichtel mit, werden Zwischenhalte gemacht – entweder zum Aus- oder zum Umsteigen. Von uns aus geht die Standardroute zuerst zum Beltringharder Koog, das ist die Stelle, wo die Ringelgänse übernehmen und nach Schweden abfliegen. Der nächste Stopp ist der Rickelbüller Koog, von dem aus in Richtung Norddänemark der nächste Flug geht. Endstation ist die Insel Rømø in Dänemark, der Heimat unseres Wichtels Tomte.

Das Gepäck wird gesondert direkt bei der Menschenfamilie abgeholt. 

Wichtelgepäck zur Abholung
Wichtelgepäck

Das Wichtelgepäck stellt der Wichtel nach dem Abbau seiner Wichtelwohnung direkt vor die Tür. Bei mir helfen der Waschbär und seine Freunde dabei. Sie haben die große Gepäckkiste mit der Schubkarre zum Fenster gefahren und der Wichtel nimmt das große Paket draußen entgegen. Dann stellt es vor die Tür, wo die Transportvögel es abholen.

Der Spion im Haus

„Wer hat was Interessantes?“ fragend blickte der bärtige Mittdreißiger seine zwei Mitarbeiter an. „Bei mir könnte sich was anbahnen. Die zwei haben einen Termin bei der Bank gemacht und wollen das Geld abheben.“ „Geht das in Dorsten?“ Achselzucken. „Erkundigt Euch, ob die Dorstener das machen, dann brauchen wir einen Plan.“ Eine Stunde später gab es einen Daumen-runter von der jungen Dame im Team: „Geht nicht in Dorsten bei der Summe, die müssen zur Zentrale nach Recklinghausen.“ „Ok, dann haben wir noch Zeit.“

Der Termin in der Bank war für 10 Uhr angesetzt. Sophie kontrollierte noch einmal, ob sie alles eingepackt hat. Ausweise, Sparkassenkarte, eine Tasche mit Reißverschluss, ihre Lesebrille. Alles da, sie schaltete das Küchenlicht aus, ließ die Türen zu Küche und Wohnzimmer offen, damit der Wischroboter gleich noch seine Runde drehen konnte. Dann eilte sie zur Tür, schloss hinter sich ab und fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage ihres Hauses. Rolf wartete bereits am Auto und verstaute die Jacken im Kofferraum. „Können wir?“ Sie nickte.

Leider verlief der Termin der Sparkassenfiliale ganz anders als erhofft. Herr Wilhelms, den sie schon seit Jahren kannten, war über den Wunsch des Ehepaares nicht nur erstaunt, sondern reagierte auch ablehnend. „Warum um alles in der Welt wollen Sie die 180.000 Euro abheben? Überweisen Sie das Geld Ihrem Sohn!“, das hatte er jetzt schon zweimal gesagt und den Kopf geschüttelt. „Drängt Sie jemand? Haben Sie Anrufe bekommen?“ Aber die zwei Senioren schüttelten synchron die Köpfe, nein, nein, kein Enkeltrick, kein Schockanruf. Sie wollten sich die Freude gönnen, Sohn und Schwiegertochter einen großen Packen Geld in die Hand zu drücken für den Hausbau, in dem sie steckten. Sophie hatte sich das ausgemalt: der Unglaube, die große Freude, Tränen, Umarmungen.

Aber auch nachdem Herr Wilhelms schließlich nachgab, das Geld konnte er ihnen nicht geben. Dazu mussten sie in die Zentrale nach Recklinghausen fahren. Enttäuscht schauten sich die zwei an, aber schließlich ging es nur um ein paar Tage. Die Dorstener Filiale vereinbarte einen Termin bei Frau Könnig in Recklinghausen, die alles abwickeln würde. Nächste Woche Dienstag um 14 Uhr.

Wieder daheim roch es sauber nach frisch geputzten Fliesen, der Wischroboter hatte seine Pflicht erfüllt. „Das ist eine der besten Anschaffungen, die ich je gemacht habe“, seufzte Sophie. „Ich muss wirklich nur noch alle paar Wochen die Ecken wischen. Ich lass‘ ihn noch schnell den Treppenabsatz machen.“ Zum Roboter gewandt: „Ok Coro!“ „Ich bin hier!“ kam die vertraute weibliche Stimme. „Wisch den Treppenabsatz!“ Leises Brummen, die zwei runden Wischmobs werden durchfeuchtet, dann „Ok, der Treppenabsatz wird gewischt!“ und der weiße flache Roboter zockelte in Richtung Eingangstür, die Rolf ihm schon aufhielt.

Sophie hatte derweil die Kaffeemaschine angeschaltet, sie deckten den Tisch für ein zweites Frühstück. „Enttäuscht bin ich ja schon,“ fing Rolf an. „Ich dachte, wir könnten das alles gleich heute erledigen und am Wochenende zu den Kindern fahren.“ Sie besprachen ausführlich, wie sie es am Dienstag machen würden: das gewohnte Parkhaus, durch die Einkaufspassage zur Sparkasse, dann das Geld in die kleine Reißverschluss-Tasche und alles in der großen blauen Umhängetasche verstauen. Die konnte man oben ebenfalls mit einem Reißverschluss zumachen und die Henkel waren so lang, dass Sophie sie sich um den Hals hängen konnte. „Cross body, sagen die jungen Leute. Dann sehe ich ganz flott aus.“ Rolf lachte.

Auf dem Treppenabsatz zog derweil der Wischmob seine Bahnen. Nach getaner Arbeit kehrte er zurück in seine Station, reinigte die Mobs und beklagte sich, dass nicht genug Frischwasser da war. Als das aufgefüllt und das Schmutzwasser ausgekippt war, wusch CoRo weiter ihre Wischmops und lud ihren Akku auf.

Sophie und Rolf zogen sich für einen Mittagsschlaf zurück.

„Hast Du alles?“ „Ja. Was meinst Du, welches Parkhaus die zwei nehmen?“ „Es gibt nur ein Parkhaus, von dem aus man direkt in die Passage kommt.“ Der schlanke Mann mit dem dichten Vollbart rief auf Google Maps die Innenstadt von Recklinghausen auf und tippte auf ein Parkhaus in der Fußgängerzone.

Der Dienstag verlief wie geplant. Um 09 Uhr machten die beiden sich ausgehbereit. „Pass auf, der Flur ist nass! Coro hat gerade gewischt.“ Der Wischroboter setzte seine für Dienstags programmierte Reinigung im Wohnzimmer fort.

„Ok, die zwei sind losgefahren. Alle auf Posten?“ – Bestätigungen kamen über’s Smartphone, alle waren positioniert und warteten auf Rolf und Sophie.

Rolf lenkte den roten Mitsubishi in die Parkgarage der Recklinghäuser Innenstadt, sie sperrten den Wagen ab, vergewisserten sich beim Blick zurück nochmal, dass das Auto brav die „Ohren angelegt“ hatte und so signalisierte, dass er versperrt war.

In der Sparkasse mussten sie ein paar Minuten auf Frau Könnig warten und setzten sich in die Warteecke. Eine junge Frau kam eilig vorbei, nickte grüßend und wies auf die Zeitschriften hin, die die Wartezeit gewiss verkürzen würden. „Nette Mitarbeiterinnen haben sie hier“, Sophie blickte der jungen Frau nach.

Frau Könnig nahm sie in Empfang, wiederholte die Bedenken des Kollegen aus der Dorstener Filiale, wies nochmal auf das Risiko des Bargeldtransportes hin. Schlussendlich nahmen Sophie und Rolf aber strahlend den Packen Bargeld in Empfang. Rolf unterschrieb noch allerlei, Sophie verstaute die Geldbündel erst in der einen Tasche, zog sorgfältig den Reißverschluss zu, packte dann die kleine Tasche in die Umhängetasche und schloss auch diese. Sie hängte sich die Henkel über den Kopf, was nicht so ganz einfach ist, wenn man nicht mehr so gelenkig ist. Händeschütteln, Danke, Seien Sie vorsichtig!, die beiden marschierten Arm in Arm zum Parkhaus.

Am Auto angekommen, entledigte sich Sophie umständlich ihrer „Cross-Body“-Tasche und verstaute sie im Fußraum des Beifahrersitzes. Als sie beide im Auto saßen, angeschnallt und fahrbereit, hörten sie von hinten eine laute Frauenstimme rufen. „Frau Miskwitz! Ihre Geldbörse!“ Sie sahen die freundliche junge Dame aus der Sparkasse das Parkdeck hinuntereilen. Sie hielt eine Geldbörse hoch. Rolf und Sophie sahen sich an: „Hast Du Deinen Geldbeutel bei Frau Könnig liegengelassen? Hast Du ihn denn ausgepackt?“

Sophie runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht mehr, das viele Hin- und Herpacken … Vielleicht habe ich ihn rausgenommen.“ Sie öffnete die Beifahrertür und sah die junge Frau an, die mittlerweile am Auto stand. „Sie haben Ihre Geldbörse vergessen“, erklärte sie außer Atem. „Gut, dass ich sie noch antreffe“. Sophie lächelte und stieg aus.

Neben ihr blinkte der dunkle Audi mehrmals auf, zwei Männer kamen rasch herbei und machten Anstalten einzusteigen. Es gab ein kurzes Gedrängel und einen unfreundlichen Wortwechsel, weil Sophie noch die Beifahrertür geöffnet hatte und im Weg stand. Ein Wort gab das andere, aber Sophie ging schließlich mit der jungen Dame um das Auto herum. Der Fahrer des Auto schimpfte noch ein wenig, fuhr dann los. Der Geldbeutel wurde überreicht, die junge Dame wandte sich zum Ausgang und Sophie setzte sich wieder auf den Beifahrersitz.

Als Rolf anfuhr, wollte sie den Geldbeutel in ihrer Umhängetasche verstauen – aber die war verschwunden. „Rolf? Hast Du Tasche weggelegt?“ „Welche Tasche?“ „Meine Umhängetasche“, Sophie wurde ganz weiß und rang nach Luft. „Die Tasche mit dem Geld.“

Zitternd saßen beide eine Weile im Auto. Das Geld war fort, der Geldbeutel war nicht Sophies, sondern nur ein sehr ähnliches Modell.

In der Sparkasse gab es keine Mitarbeiterin, die ähnlich aussah wie die beschriebene junge Dame. Niemand hatte hinter den Miskwitz hergeschickt wegen eines vergessenen Geldbeutels.

Viele, viele Wochen später. Zusammengesunken saß Sophie im Wohnzimmersessel, sie schrak hoch, als ihre Schwiegertochter ihr den Kaffee hinstellte. „Mama, worüber grübelst Du?“ „Woher sie das wussten.“ Sophie sah ihre Schwiegertochter mit tränennassen Augen an. „Woher wussten sie, dass wir Geld holen? Wo wir parken? Woher wussten sie, wie mein Geldbeutel aussieht? Und wo ich das Geld verstaut hatte? Woher wussten sie das?“ Tränen liefen ihr über die Wangen. „Woher nur?“

„Soll ich die zwei noch weiter beobachten?“ – „Nein, da ist nichts mehr zu holen. Das lohnt sich nicht. Du kannst ihn abschalten.“ Der junge Mann tippte Befehle, bestätigte, wartete ab, tippte nochmal, wartete ab, ließ eine Routine ablaufen und beendete eine Prozedur. „Ist erledigt, die Software ist gelöscht.“

Rolf rief aus dem Flur, ob jemand den Wischroboter eingeschaltet hätte. Er blinke wie verrückt und sei aus der Station rausgefahren. Jetzt stehe er mitten im Flur. Sophie stellte die Kaffeetasse ab, hievte sich aus dem Sessel und gesellte sich zu Rolf in den Flur. Sie betrachtete den Roboter irritiert, startete ihre Wisch-App und sah nach den letzten Aktivitäten. Da war aber nichts. „Coro?“ – „Ich bin hier!“ – „Fahre zurück zur Ladestation!“ Brav setzte sich CoRo in Bewegung, drehte sich einmal und parkte in der Ladestation. Das Blinken hatte aufgehört.

Von der Weihnachtswichtel-Schule

Weihnachtswichtel kann nur werden, wer in die Weihnachtswichtelschule gegangen ist und seinen Abschluss mindestens mit der Note „sehr gut“ gemacht hat. Besser ist es, wenn er mit „vorzüglich“ oder „meget fremragende“ – das ist dänisch und heißt „ganz vorzüglich“ – abschneidet. Dann darf er sich seine Familie aussuchen.

Um das alles zu erreichen, muss ein Wichtel sehr viel lernen und es gibt deswegen viele Wichtelschulen. Eine ist am Brendalsbreen in Norwegen, eine ist am Nissum Bredning in Dänemark. Die Türen sind winzig klein, mit Magie geschützt und können nur von Menschen gesehen werden, die an die Wichtel glauben und ihnen gut gesonnen sind.

Das wichtigste Fach auf jeder Weihnachtswichtelschule ist Menschenkunde. Zum Glück muss ein Wichtel die Menschensprache nicht lernen, denn er versteht jede Sprache und jeder Mensch versteht einen Wichtel. Wenn ein Wichtel mit Dir spricht, spricht er wichtelisch, aber für Dich hört es sich an als ob er Deutsch spricht. Ein englisches Kind hört Englisch, ein Bambino aus Italien hört Italienisch und das criança aus Portugal glaubt, dass der Wichtel Portugiesisch spricht. So versteht jeder den Wichtel und der Wichtel versteht sowieso alles.

Sogar die Hunde und Katzen, die Pferde und Spatzen, alle Tiere und sogar die Kuscheltiere hören den Wichtel in ihrer eigenen Sprache sprechen. Und der Wichtel versteht natürlich hundisch und katzisch, pferdisch und spatzisch, hamsterisch und kuscheltierisch .

Allerdings muss ein Weihnachtswichtel lernen, wie die Menschen leben. Denn ein Wichtel hat das alles nicht: Kaffeemaschinen, Backöfen und Staubsauger, Lichtschalter, Haustürschlüssel und Jalousien – das alles muss ein Wichtel bedienen können. Das kann er natürlich nicht ohne Magie, er wäre viel zu klein, um einen Staubsauger zu ziehen. Der Wichtel lernt viele, viele magische Sprüche, um all die Menschendinge zu benutzen.

Das klappt aber nicht immer. Unser Wichtel Tomte hat zusammen mit dem Waschbär und Wichtelhund Finn den schweren Kühlschrank aufbekommen, dann ist der Waschbär reingeklettert, um Käse zu holen – und (Plopp!) fiel die Türe zu. Da saß der Waschbär drinnen und die zwei anderen draußen. Nur zu zweit haben sie die Tür nicht mehr aufbekommen und alle Wichtel-Zaubersprüche haben nichts genützt.

Ich war morgens sehr verwundert, dass der Waschbär auf der Käsebox saß und gebibbert hat. Er hat vor lauter Kälte gestottert und geschnattert und ihm war den ganzen Tag schlecht, weil er soviel Käse gefuttert hat.

Die meisten Wichtel wählen dazu noch Baby- und Kleinkinder-Kunde. Dabei lernt der Wichtel, ab wann Babys krabbeln und wann sie das erste Mal laufen, woran man erkennt, dass ein Baby Zähnchen bekommt, wie ein gesundes Baby aussieht und welche Krankheiten es bekommen kann. Dabei hilft dem Wichtel natürlich, dass er sich mit Babys unterhalten kann und das kleinste Baby ihm genau erklären kann, ob das Bäuchlein wehtut oder ihn die Zähnchen plagen oder ob ihm einfach nur entsetzlich langweilig ist. Wie gesagt: Wichtelsprache versteht jeder und der Wichtel versteht auch jeden. Ein guter Wichtel wird dann versuchen, den Eltern Hinweise zu geben, damit sie ihrem Baby helfen können.

Das nächste Hauptfach ist Backen und Kochen. Ein Wichtel muss viele Rezepte lernen: Wichtelsterne und -kipferl, Spitzbuben und Lebkuchen, Lussekatter (das sind Lucia-Brötchen) zum 13. Dezember und . Spritzgebäck und Mürbeteig, Zuckerguss in weiß und rosa, Schokoguss und Marzipan – alles muss der Wichtel machen können. Er darf Zimt und Pfeffer nicht verwechseln, muss wissen, was Orangeat ist und wie man Plätzchen fein säuberlich aussticht.

Wichtel, die in eine Familie gehen, in denen ein Kind oder Mama oder Papa keine Milch trinken darf oder nur ganz bestimmtes Mehl vertragen, müssen noch Zusatzkurse belegen. Dann haben sie den Grad „Weihnachtswichtel BB“ erreicht, das steht für „Weihnachtswichtel Besondere Bedürfnisse“. Ohne diese Bescheinigung darf sich kein Wichtel eine Familie aussuchen, die etwas Besonderes brauchen.

Einige wenige Wichtel suchen sich Familien aus, in denen nur Erwachsene leben. Dann lernt er vorher, einen Julegløgg zu kochen.

Natürlich lernt ein Wichtel auch Haushaltskunde. Schließlich muss er ja seine Wichtelwohnung tipptopp in Ordnung halten, seine Kleider waschen, Fenster putzen, abgesprungene Knöpfe annähen oder einen Flicken auf ein Loch in der Hose nähen.

Pflanzen-, Tier- und Sternenkunde sowie Geographie sind sehr wichtig. Auch wenn die Wichtel heute das Wichtel-Weite-Web verwenden und Landkarten über MKU (magiske kort udtalelse – Magische Landkarten Ansicht) auf ihrem BC (bærbar computer – tragbarer Computer) anschauen, muss sich ein Wichtel zurechtfinden. Er muss besonders das Gebiet seiner Menschenfamilie gut kennen, muss die Städtenamen und die Straßen lernen, muss wissen, wo Seen und Bäche sind.

Das ist ganz besonders wichtig, weil die Wichtel meistens mit den Gänsescharen reisen. Die Gänse nehmen den Wichtel mit von Skandinavien in die Nähe seiner Familie und holen ihn auch dort wieder ab. Oft sind es die jungen Gänseriche, die noch keine Familie haben oder die ganz, ganz alten Gänse-Omas, die sich nicht mehr um ihren Nachwuchs kümmern müssen. Besonders die grauen Gänse aus dem berühmten Geschlecht der Akka von Kebnekaise sind den Wichteln sehr zugetan und kümmern sich sehr liebevoll um die Kleinen. Das liegt wohl daran, dass vor vielen, vielen Jahren der verwunschene Nils Holgersson mit ihrer Schar geflogen ist.

Märchen und Sagen muss ein Wichtel normalerweise nicht lernen. Wichtel haben ein langes Leben und bis sie in die Schule kommen, haben sie von allen Tieren des Waldes, von den Vögeln am Meer und auf den Seen, von den alten Walen und den quirligen Robben, von den anderen Naturgeistern und natürlich von den Wichtelomas und Wichtelopas alle Geschichten gehört.

Wir Wichtel lieben Euch Menschen und bitten darum, Eure Gäste sein zu dürfen. Zum Dank spielen wir Euch Streiche, machen Euch lachen und lassen ein bisschen Magie bei Euch zurück.

Tomte, Weihnachtswichtel aus Havneby auf Rømø

Wie das Fjordpferd zu seinem Aalstrich kam

Wie im letzten Jahr haben wir auch heuer wieder den Wichtel Tomte zu Besuch. In diesem Jahr hat er seinen Wichtelhund Finn mitgebracht. Der Waschbär, Tomte und Finn stellen eine Menge an, aber in den langen dunklen Winterabenden gibt es auch viel zu erzählen.
Gestern hat Tomte den anderen beiden erzählt, wie das Fjordpferd zu seinem schwarzen Aalstrich gekommen ist.

Vor vielen, vielen Jahren wohnte der Weihnachtsmann noch nicht am Nordpol, sondern in Ilulisat in Grönland. Er hieß auch noch nicht Weihnachtsmann, sondern trug noch seinen grönländischen Namen Juulimaaq oder Julemanden auf dänisch. Zusammen mit seinen Helfern, den Julenissen, bepackte er jedes Jahr seinen Schlitten, spannte die Rentiere davor und machte sich in der Weihnachtsnacht auf seine lange Reise rund um die Welt.

Einer der Julenissen war Kvik, ein Ur-Ur-Ur-Ahn von Tomtes Frau Kari. Er war noch einer junger Wichtel, als er beim Juulimaaq als Helfer anfing. Kvik hütete die Rentiere, striegelte und fütterte sie, rieb sie trocken und polierte ihre Halfter, bis sie glitzerten und glänzten. Wie alle Wichtel verstand Kvik die Sprache der Tiere, natürlich auch die der Rentiere vom Juulimaaq.

Zeichnung von Rentieren im Stall

An einem Tag im Dezember kam Heli, die älteste der Rentierkühe zu Kvik und bat ihn um Hilfe. Ihr müsst wissen, dass die Rentiere des Juulimaaq alle weiblich sind. Das sieht man schon an den Geweihen, die sie tragen. Bei den Rentieren haben zwar Männchen und Weibchen beide Geweihe, aber die Männchen werfen ihr altes Geweih schon im Herbst ab und das neue wächst erst im Frühling wieder. Die Weibchen hingegen behalten das Geweih solange, bis der Winter vorbei ist. Dann werfen sie es auch ab und das neue Geweih wächst erst wieder, wenn sie ihre Kälber im Frühjahr geboren haben.

Heli war sehr besorgt um vier von den jungen Rentieren, die den Schlitten zogen. Sie waren im Herbst sehr krank gewesen und obwohl sie fleißig Moos und vitaminreiche Beeren aßen, hatten sie immer noch Schnupfen, husteten auch nachts ganz arg und fühlten sich elend und schlapp. Kvik hatte schon davon gehört, dass viele der wilden Tiere in diesem Herbst sehr unter einer bösen Erkältung gelitten hatten und es viele, viele Tote gegeben hatte.

„Meinst Du, dass Ihr den Schlitten ziehen könnt?“, wollte Kvik wissen. „Das wird nicht gehen. Die vier sind viel zu krank und nur mit fünfen von uns klappt das nicht. Was sollen wir nur tun?“ Heli war untröstlich. So schnell würde man auch keine neuen Rentier-Weibchen finden, die im Geschirr vor dem Schlitten laufen konnten.

Heli, Kvik und die anderen Julenissen wollten dem Juulimaaq noch nichts davon sagen und erst gemeinsam überlegen, was man tun könnte. Es wurde hin und her überlegt, wer den Schlitten stattdessen ziehen könnte. Vielleicht der große, starke Isbjørn? Das hielt niemand für eine gute Idee. „Der Isbjørn wird die ganzen Geschenke auffressen“, befürchtete Heli. Oder sollte man die grauen Gänse fragen? Sie waren stark und ausdauernd und könnten bestimmt den Schlitten mitziehen. Ja, aber die waren alle schon fortgeflogen und weit im Süden, in Holland und Frankreich. Man würde sie nicht so schnell zurückrufen können.

„Das Fjordpony wird helfen,“ davon war einer der grönländischen Nisse überzeugt. „Es ist klug und freundlich und keine Arbeit wird ihm je zu schwer.“ Also wurden Abordnungen in die Siedlungen geschickt. Die Nissen waren in Qikertaq und in Angmaussaĸ, in Itivdliarssuk und in Upernaviarssuk und in vielen anderen Dörfern an der grönländischen Küste. Die Fjordponys waren alle bereit, zur Hilfe zu kommen und würden rechtszeitig einen von ihnen schicken.

Jetzt muss man wissen, wie ein Fjordpony aussieht. Es ist eigentlich gar kein Pony, sondern ein kleines Pferd, aber es nimmt es nicht übel, wenn man „Pony“ sagt. Denn es sieht aus wie in Pony. Es ist kräftig und stark, hat kleine, spitze Ohren und eine dichte Mähne, die lustig nach oben steht. Seine Brust und seine Schultern sind breit, die Beine sind kurz und können wacker ausholen. Es kann unermüdlich laufen, einen Schlitten ziehen und hilft im Wald mit den großen Baumstämmen. Und immer sind sie hell, man sagt „Falben“. Sie können ein bisschen brauner oder heller sein, etwas rötlicher oder mausfarben und manchmal haben ihre Beine feine Streifen. Das sieht lustig aus, als wenn sie Strümpfe anhaben und es ist ein Zeichen, dass ihre Rasse sehr alt ist. Die Fjordponys tragen ihre Streifen voller Stolz.

Das Fjordpony Arvo

So kam es, dass Mitte Dezember das Fjordpony Arvo gelassen und ruhig im Stall bei den Rentieren stand, als Kvik am Morgen nach dem Rechten sah. Arvo stellte sich allen vor, begutachtete den Schlitten, sprach lange mit dem Juulimaaq, ließ sich von Heli alles erklären und nickte dann bedächtig mit seinem großen Kopf. Ja, das würde alles gehen. Kvik müsste das Geschirr anpassen, damit es ihm passte und die Säcke mit den Geschenken könnte man ihm links und rechts über seinen breiten Rücken hängen.

Beim ersten Probepacken fielen aber die Säcke immer wieder herunter. Arvo dirigierte die Nissen freundlich „etwas höher links“ und „mehr in die Mitte“ und „rechts ein bisschen tiefer“. Plumps, lagen die Säcke wieder unten! Ratlos standen die Nissen um das Fjordpferd. „Wir wissen nicht, wo auf Deinem Rücken die Mitte ist! Alles ist rund an Dir!“ beklagten sie sich. Arvo stellte sich ganz gerade hin, es half nichts. Er richtete seine Mähne auf: „Jetzt müsst Ihr nur von der Mähne nach unten auf den Rücken gucken.“ Es half nichts. „Wir wissen ja nicht, wo die Mitte Deiner Mähne ist! Sie ist so dicht und steht auch noch so doll nach oben ab.“

Da hatte Kvik eine Idee! Er sauste in das Haus vom Juulimaaq, nahm ein Stück Holzkohle aus dem Ofen, tauchte es einmal in den Schnee, damit es nicht zu heiß war und kletterte Arvo erst auf den Rücken, dann auf seine Mähne und stellte sich genau zwischen seine spitzen Ohren. Dann setzte er sich auf die Holzkohle wie auf einen Schlitten und flitzte zwischen den Ohren nach unten, links und rechts legte sich Mähne zur Seite, er schlitterte über den breiten Rücken bis zum Schwanz und plumpste kopfüber in den Schnee.

Kvik holt Holzkohle

„Jetzt habt Ihr die Mitte,“ rief er lachend, als er sich aus dem Schnee gekämpft hatte. Und wirklich: Arve hatte genau in der Mitte einen schwarzen Strich, der bei den Ohren begann und hinten am Schwanz endete. Sogar die Mähne war innen ganz schwarz geworden.

Von diesem Tag an haben alle Fjordponys einen schwarzen Aalstrich.

Und wer dem Juulimaaq einmal nach Grönland schreiben möchte, kann das tun. Er hat einen großen Briefkasten in Ilulisat:

Julemanden
Box 785
3952 Ilulisat

Grønland

Hinweise:
Idee und Text von Pia, alle Zeichnungen von ChatGPT