KI und Co

Der Spion im Haus

„Wer hat was Interessantes?“ fragend blickte der bärtige Mittdreißiger seine zwei Mitarbeiter an. „Bei mir könnte sich was anbahnen. Die zwei haben einen Termin bei der Bank gemacht und wollen das Geld abheben.“ „Geht das in Dorsten?“ Achselzucken. „Erkundigt Euch, ob die Dorstener das machen, dann brauchen wir einen Plan.“ Eine Stunde später gab es einen Daumen-runter von der jungen Dame im Team: „Geht nicht in Dorsten bei der Summe, die müssen zur Zentrale nach Recklinghausen.“ „Ok, dann haben wir noch Zeit.“

Der Termin in der Bank war für 10 Uhr angesetzt. Sophie kontrollierte noch einmal, ob sie alles eingepackt hat. Ausweise, Sparkassenkarte, eine Tasche mit Reißverschluss, ihre Lesebrille. Alles da, sie schaltete das Küchenlicht aus, ließ die Türen zu Küche und Wohnzimmer offen, damit der Wischroboter gleich noch seine Runde drehen konnte. Dann eilte sie zur Tür, schloss hinter sich ab und fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage ihres Hauses. Rolf wartete bereits am Auto und verstaute die Jacken im Kofferraum. „Können wir?“ Sie nickte.

Leider verlief der Termin der Sparkassenfiliale ganz anders als erhofft. Herr Wilhelms, den sie schon seit Jahren kannten, war über den Wunsch des Ehepaares nicht nur erstaunt, sondern reagierte auch ablehnend. „Warum um alles in der Welt wollen Sie die 180.000 Euro abheben? Überweisen Sie das Geld Ihrem Sohn!“, das hatte er jetzt schon zweimal gesagt und den Kopf geschüttelt. „Drängt Sie jemand? Haben Sie Anrufe bekommen?“ Aber die zwei Senioren schüttelten synchron die Köpfe, nein, nein, kein Enkeltrick, kein Schockanruf. Sie wollten sich die Freude gönnen, Sohn und Schwiegertochter einen großen Packen Geld in die Hand zu drücken für den Hausbau, in dem sie steckten. Sophie hatte sich das ausgemalt: der Unglaube, die große Freude, Tränen, Umarmungen.

Aber auch nachdem Herr Wilhelms schließlich nachgab, das Geld konnte er ihnen nicht geben. Dazu mussten sie in die Zentrale nach Recklinghausen fahren. Enttäuscht schauten sich die zwei an, aber schließlich ging es nur um ein paar Tage. Die Dorstener Filiale vereinbarte einen Termin bei Frau Könnig in Recklinghausen, die alles abwickeln würde. Nächste Woche Dienstag um 14 Uhr.

Wieder daheim roch es sauber nach frisch geputzten Fliesen, der Wischroboter hatte seine Pflicht erfüllt. „Das ist eine der besten Anschaffungen, die ich je gemacht habe“, seufzte Sophie. „Ich muss wirklich nur noch alle paar Wochen die Ecken wischen. Ich lass‘ ihn noch schnell den Treppenabsatz machen.“ Zum Roboter gewandt: „Ok Coro!“ „Ich bin hier!“ kam die vertraute weibliche Stimme. „Wisch den Treppenabsatz!“ Leises Brummen, die zwei runden Wischmobs werden durchfeuchtet, dann „Ok, der Treppenabsatz wird gewischt!“ und der weiße flache Roboter zockelte in Richtung Eingangstür, die Rolf ihm schon aufhielt.

Sophie hatte derweil die Kaffeemaschine angeschaltet, sie deckten den Tisch für ein zweites Frühstück. „Enttäuscht bin ich ja schon,“ fing Rolf an. „Ich dachte, wir könnten das alles gleich heute erledigen und am Wochenende zu den Kindern fahren.“ Sie besprachen ausführlich, wie sie es am Dienstag machen würden: das gewohnte Parkhaus, durch die Einkaufspassage zur Sparkasse, dann das Geld in die kleine Reißverschluss-Tasche und alles in der großen blauen Umhängetasche verstauen. Die konnte man oben ebenfalls mit einem Reißverschluss zumachen und die Henkel waren so lang, dass Sophie sie sich um den Hals hängen konnte. „Cross body, sagen die jungen Leute. Dann sehe ich ganz flott aus.“ Rolf lachte.

Auf dem Treppenabsatz zog derweil der Wischmob seine Bahnen. Nach getaner Arbeit kehrte er zurück in seine Station, reinigte die Mobs und beklagte sich, dass nicht genug Frischwasser da war. Als das aufgefüllt und das Schmutzwasser ausgekippt war, wusch CoRo weiter ihre Wischmops und lud ihren Akku auf.

Sophie und Rolf zogen sich für einen Mittagsschlaf zurück.

„Hast Du alles?“ „Ja. Was meinst Du, welches Parkhaus die zwei nehmen?“ „Es gibt nur ein Parkhaus, von dem aus man direkt in die Passage kommt.“ Der schlanke Mann mit dem dichten Vollbart rief auf Google Maps die Innenstadt von Recklinghausen auf und tippte auf ein Parkhaus in der Fußgängerzone.

Der Dienstag verlief wie geplant. Um 09 Uhr machten die beiden sich ausgehbereit. „Pass auf, der Flur ist nass! Coro hat gerade gewischt.“ Der Wischroboter setzte seine für Dienstags programmierte Reinigung im Wohnzimmer fort.

„Ok, die zwei sind losgefahren. Alle auf Posten?“ – Bestätigungen kamen über’s Smartphone, alle waren positioniert und warteten auf Rolf und Sophie.

Rolf lenkte den roten Mitsubishi in die Parkgarage der Recklinghäuser Innenstadt, sie sperrten den Wagen ab, vergewisserten sich beim Blick zurück nochmal, dass das Auto brav die „Ohren angelegt“ hatte und so signalisierte, dass er versperrt war.

In der Sparkasse mussten sie ein paar Minuten auf Frau Könnig warten und setzten sich in die Warteecke. Eine junge Frau kam eilig vorbei, nickte grüßend und wies auf die Zeitschriften hin, die die Wartezeit gewiss verkürzen würden. „Nette Mitarbeiterinnen haben sie hier“, Sophie blickte der jungen Frau nach.

Frau Könnig nahm sie in Empfang, wiederholte die Bedenken des Kollegen aus der Dorstener Filiale, wies nochmal auf das Risiko des Bargeldtransportes hin. Schlussendlich nahmen Sophie und Rolf aber strahlend den Packen Bargeld in Empfang. Rolf unterschrieb noch allerlei, Sophie verstaute die Geldbündel erst in der einen Tasche, zog sorgfältig den Reißverschluss zu, packte dann die kleine Tasche in die Umhängetasche und schloss auch diese. Sie hängte sich die Henkel über den Kopf, was nicht so ganz einfach ist, wenn man nicht mehr so gelenkig ist. Händeschütteln, Danke, Seien Sie vorsichtig!, die beiden marschierten Arm in Arm zum Parkhaus.

Am Auto angekommen, entledigte sich Sophie umständlich ihrer „Cross-Body“-Tasche und verstaute sie im Fußraum des Beifahrersitzes. Als sie beide im Auto saßen, angeschnallt und fahrbereit, hörten sie von hinten eine laute Frauenstimme rufen. „Frau Miskwitz! Ihre Geldbörse!“ Sie sahen die freundliche junge Dame aus der Sparkasse das Parkdeck hinuntereilen. Sie hielt eine Geldbörse hoch. Rolf und Sophie sahen sich an: „Hast Du Deinen Geldbeutel bei Frau Könnig liegengelassen? Hast Du ihn denn ausgepackt?“

Sophie runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht mehr, das viele Hin- und Herpacken … Vielleicht habe ich ihn rausgenommen.“ Sie öffnete die Beifahrertür und sah die junge Frau an, die mittlerweile am Auto stand. „Sie haben Ihre Geldbörse vergessen“, erklärte sie außer Atem. „Gut, dass ich sie noch antreffe“. Sophie lächelte und stieg aus.

Neben ihr blinkte der dunkle Audi mehrmals auf, zwei Männer kamen rasch herbei und machten Anstalten einzusteigen. Es gab ein kurzes Gedrängel und einen unfreundlichen Wortwechsel, weil Sophie noch die Beifahrertür geöffnet hatte und im Weg stand. Ein Wort gab das andere, aber Sophie ging schließlich mit der jungen Dame um das Auto herum. Der Fahrer des Auto schimpfte noch ein wenig, fuhr dann los. Der Geldbeutel wurde überreicht, die junge Dame wandte sich zum Ausgang und Sophie setzte sich wieder auf den Beifahrersitz.

Als Rolf anfuhr, wollte sie den Geldbeutel in ihrer Umhängetasche verstauen – aber die war verschwunden. „Rolf? Hast Du Tasche weggelegt?“ „Welche Tasche?“ „Meine Umhängetasche“, Sophie wurde ganz weiß und rang nach Luft. „Die Tasche mit dem Geld.“

Zitternd saßen beide eine Weile im Auto. Das Geld war fort, der Geldbeutel war nicht Sophies, sondern nur ein sehr ähnliches Modell.

In der Sparkasse gab es keine Mitarbeiterin, die ähnlich aussah wie die beschriebene junge Dame. Niemand hatte hinter den Miskwitz hergeschickt wegen eines vergessenen Geldbeutels.

Viele, viele Wochen später. Zusammengesunken saß Sophie im Wohnzimmersessel, sie schrak hoch, als ihre Schwiegertochter ihr den Kaffee hinstellte. „Mama, worüber grübelst Du?“ „Woher sie das wussten.“ Sophie sah ihre Schwiegertochter mit tränennassen Augen an. „Woher wussten sie, dass wir Geld holen? Wo wir parken? Woher wussten sie, wie mein Geldbeutel aussieht? Und wo ich das Geld verstaut hatte? Woher wussten sie das?“ Tränen liefen ihr über die Wangen. „Woher nur?“

„Soll ich die zwei noch weiter beobachten?“ – „Nein, da ist nichts mehr zu holen. Das lohnt sich nicht. Du kannst ihn abschalten.“ Der junge Mann tippte Befehle, bestätigte, wartete ab, tippte nochmal, wartete ab, ließ eine Routine ablaufen und beendete eine Prozedur. „Ist erledigt, die Software ist gelöscht.“

Rolf rief aus dem Flur, ob jemand den Wischroboter eingeschaltet hätte. Er blinke wie verrückt und sei aus der Station rausgefahren. Jetzt stehe er mitten im Flur. Sophie stellte die Kaffeetasse ab, hievte sich aus dem Sessel und gesellte sich zu Rolf in den Flur. Sie betrachtete den Roboter irritiert, startete ihre Wisch-App und sah nach den letzten Aktivitäten. Da war aber nichts. „Coro?“ – „Ich bin hier!“ – „Fahre zurück zur Ladestation!“ Brav setzte sich CoRo in Bewegung, drehte sich einmal und parkte in der Ladestation. Das Blinken hatte aufgehört.