Tiere

Panik

Grau spannte sich der Himmel über dem Wattenmeer, träge schlugen die Wellen der Nordsee gegen den Deich. Pfuhlschnepfen, Knutts, Große Brachvögel und Säbelschnäbler sammelten sich hinterm Deich an den kleinen Seen und Tümpeln. Scharen von Grau- und Weißwangengänsen ästen auf den Wiesen, hier und da mischte sich ein kleiner Trupp Ringelgänse darunter. Auch die großen dunklen Saatgänse und ein paar Blässgänse standen in den Wiesen.

Es war friedlich. Die junge Graue äste mit ihrer Familie inmitten der Scharen, schnatterte leise ihr „Ich bin hier, wo seid ihr?“, lauschte auf das gleichförmige Geschnatter um sich herum. „Wir sind hier,“ das waren die Geschwister. Ein Kiebitz flog mit hellem „Kiwitt“ auf, sie sah auf, er landete aber gleich wieder. Keine Gefahr. Sie schritt weiter, zupfte Gras, beobachtete die Eltern, die Geschwister. „Wir sind hier, wo seid ihr?“ Keine Gefahr.

Urplötzlich stieg der Schrei hoch in den Himmel „Gefahr! Gefahr! Fliegt! Fliegt! Fliegt!“. Schwingen rauschten, Federn stoben um sie her, es riss sie mit, sie flog, sie schlug die Flügel und schrie „Gefahr! Fliegt! Gefahr!“. Ihr Herz raste, das Blut pochte in ihren Ohren, sie rang nach Atem. Nur fliegen war wichtig. Flucht war ihr einziger Gedanke. Hektische Flügelschläge streiften sie, die „Gefahr!“-Rufe gellten. Wo? Wo war die Gefahr? Sie sah nichts, sie flog mit den anderen. Wohin? Wohin flohen sie? Egal, nur Flucht, hinein in den dichtesten Pulk. Nicht die Scharen verlieren, nicht an den Rand geraten, nicht alleine, nicht alleine, nicht alleine. Die Graue flog inmitten der anderen Scharen, Fremde, flüchtig ein bekanntes Rufen, vorbei, weiter. 

Ein Schatten raste am Rande vorbei. Groß, braun, mit hellem Hals und hellem Kopf, die gelben Beine mit den grausamen Krallen nach vorne ausgestreckt. Der gelbe Schnabel blitzte. Sie hörte sich schreien, wusste aber nicht, was sie schrie. Dann war es vorbei, der Adler war verschwunden, gelandet. Hatte er getötet? Sie wusste es nicht. Sie floh weiter, hielt sich dicht an die anderen. Nicht alleine fliegen, nicht alleine fliegen, hämmerte es ihren Gedanken. Flieg, bleib bei den anderen, nicht alleine, nicht alleine, nicht alleine.

Vorbei. Die Schreie wurden weniger, ruhiger, leiser, die Flügel schlugen langsamer, sie kreisten. Die Graue sah sich um, nur Fremde um sich her. Sie ängstigte sich, wo war ihre Schar? Wo waren Mutter, Vater, die Geschwister? „Ich bin hier! Wo seid ihr?“ Leise erst, dann drängend, sie riefen alle ihre Scharen. „Wo seid ihr?“ Und zögernd kamen die Antworten „Ich bin hier! Ich bin hier!“

Auch die Graue rief und bekam endlich Antwort. „Hier! Wir sind hier! Wo bist Du?“ Glücklich stürzte sie auf die Geschwister zu, am Rande eines Sees landeten sie. Das Wasser spritzte auf, noch beobachteten sie voller Angst den grauen Himmel. Mit gestreckten Hälsen riefen sie nach oben weiterhin ihr „Wir sind hier! Wo seid ihr?“ Die Eltern und einige der Geschwister fehlten. Unermüdlich riefen sie und endlich kam die Antwort. „Hier, wir sind hier!“ Platschend landeten die beiden Alten mit den restlichen Jungen. Alle waren heil und gesund, der Schreck verblasste mit dem beruhigenden Schnattern „Wir sind alle hier!“.

Hunger

In ihren Eingeweiden wühlte der Hunger. Kläglich hatte sie nach ihren Eltern gerufen, aber die hatten sie vertrieben. Ängstlich und verschreckt war sie geflüchtet, hatte den beiden Alten verständnislos nachgesehen. Ja, sie hatten sie gelehrt, den Vogel aus dem Schwarm zu jagen und ihn zu erbeuten. Sie hatten vorgemacht, wie sie den Fisch aus dem Wasser zogen und den hakenschlagenden Hasen zur Strecke brachten. Sie hatte zugeschaut, hatte gelernt, sich angestrengt und manchmal auch Erfolg gehabt. Stolz rupfte sie ihren ersten Kiebitz. Aber immer gab es noch Atzung von den Alten, abends war sie satt in den Schlaf gefallen. Bis sie sie vertrieben hatten.

Ihre Jagden waren erfolglos, Vögel stoben auseinander und sie konnte sich nicht konzentrieren. Welchen musste sie packen? Weg waren sie alle! Der Hase schlug Haken, sprang hoch in die Luft, dreht sich zu ihr um und schlug nach ihr! Erschrocken stoppte sie den Angriff. Sie fand einen toten Fisch, fraß davon und war nicht wirklich satt.

Eine tote Taube lag auf einem schwarzen Band, die Mutter hatte gewarnt vor diesen schwarzen Flächen. „Friss nicht, was da liegt! Es gibt schnelle Tiere, die dort lauern. Sie töten dich.“ Lange beäugte sie die Taube und gerade als sie entschlossen war, die Taube zu fressen, raste ein glänzendes Tier heran. Es kreischte und kam mit mächtigem Wind daher. Nein, das ließ sie lieber sein. Sie flog auf und kreiste hoch über den Wiesen.

Unter ihr sah sie die Vogelscharen, die sich vor der Flut auf die Wiesen gerettet hatten. Sie sah auf der Wiese die großen, kräftigen Gänseeltern, die wachsam ihre Jungen im Auge hatten; sie sah die kleinen Knutts und Kiebitze am Ufer des Sees hinterm Deich. Immer noch kamen kleine Trupps von der See her angeflogen und ließen sich im schlammigen Ufer oder auf den Wiesen nieder.

Sie beobachtete, erinnerte sich an die Lehren der Alten: suche den Schwachen, finde den ohne Familie. Sie suchte und fand eine junge Ringelgans am Rand der Scharen. Die Gans hinkte etwas, hielt sich abseits, blieb alleine. Konzentriert rief sie sich alles in Erinnerung, was sie gelernt hatte: den ganzen Schwarm aufscheuchen, diese eine nicht aus den Augen lassen. Wohin sie sich auch wendet, verliere sie nicht und dann stoße auf sie herunter, nur auf sie, nur auf diese eine.

Höher schraubte sie sich, höher, damit sich alle in Sicherheit wiegten. Konzentriere Dich! Diese eine, nur diese eine! Wenn Du sie nicht schlägst, wirst Du vor Hunger sterben. Du musst! Dieses Mal musst Du erfolgreich sein.

Und die junge Seeadlerin konzentrierte sich auf diese eine Ringelgans, geschwächt, alleine. Sie ließ sich fallen, raste dem Erdboden zu. Der Schrei „Gefahr! Fliegt! Fliegt!“ stieg hoch zu ihr. Flügel rauschten, Gänse und andere Wasservögel stoben hoch, dichte Pulks um sie herum. Nicht denken! Nur die eine, die eine am Rand. Die Adlerin ließ sie nicht aus den Augen, sie sah nichts anderes, sie hörte nichts anderes, die eine, die eine. Sie streckte die Krallen vor und prallte gegen die geschwächte junge Ringelgans. Überschlagend landeten sie auf der Wiese. Die Adlerin breitete ihre mächtigen Schwingen über der Beute aus.