Kindertage einer Graugans (2)
Nach Süden
Nach und nach flogen alle Geschwister und die Cousinen und Cousins. Alle drehten ihre Runden über dem See und landeten spritzend und wassertretend im See. Von diesem Tag an hieß es: üben, üben, üben! Die älteren Gänse flogen mit den Jungen immer weitere Strecken, erkundeten die Seen im Umkreis, flogen zum Kebnekaise und erzählten von der Urahnin Akka.
So ging der Juni ins Land, der heiße Juli mit den vielen Mückenschwärmen ging vorüber. Der August kam und die Sonne ging das erste Mal wieder unter. Für die jungen Gänse war es die erste Nacht, die sie bewusst wahrnahmen und sie staunten über die Dunkelheit.
Die jungen Gänse fraßen, übten fliegen, erkundeten die Umgebung, lernten die Bergnamen auswendig, hörten die Geschichten am Abend an und schliefen schließlich todmüde ein. Tag für Tag verging, die Tage wurden kürzer, die Nächte kälter, die Sterne wechselten am Himmel. Sommersternbilder zogen vorüber, die Herbststerne kamen und Anfang September verschwand tief am Horizont Arcuturus, der hellste Stern aus dem Bärenhüter. Zwei Wochen später tauchte auf der anderen Seite der rote Beteigeuze auf, der ankündigte, dass der Himmelsjäger Orion bald prächtig am Himmel erstrahlen würde.
In dieser Zeit kamen die Rentierherden näher an den See und Nyfiken hielt Ausschau nach Stor Fot, ihren großen pelzigen Freund mit dem prächtigen Geweih. Eines Morgens sah sie ihn am Ufer stehen, aufmerksam die Gänse betrachtend. Als er sie entdeckt hatte, rief er ihr schnaubend und heiser einen Gruß zu. „Wann geht es los?“, wollte er von der jungen Gans wissen. „Bald“, sagte Nyfiken. „Die Alten beobachten schon lange die Sterne.“ Stor Fot musterte Nyfiken und bewunderte ihr Gefieder. „Groß bist Du geworden – und schwer!“, er grinste sie an. „Na hör mal,“ Nyfiken war empört. Sollte sie vielleicht kurz vor dem Abflug Diät halten? Aber Stor Fot lachte nur, „schwer“ war ja ein Kompliment für eine Gans. „Du brauchst die Reserven für den langen Flug. Das wird anstrengend und so viel werdet ihr unterwegs nicht futtern können.“ Die beiden redeten noch eine Weile und verabschiedeten sich dann – bis zum nächsten Frühling!
Schaut genau hin!
Vilja und Hjelpe beobachteten die Sterne. „Es wird Zeit für den Flug nach Süden,“ sagte Hjelpe eines Abends. „Wir müssen mit den Ältesten beratschlagen.“ Die ältesten Gänse bestimmten, wann es Zeit für den Abflug wurde. Sie begutachteten die Jungvögel, betrachteten das Gefieder der älteren Gänse. Alles musste perfekt sein. Die Mauser abgeschlossen, die Flugleistung ausreichend, jeder musste gut genährt sein. Wer seine Federn nicht gewechselt hatte, wer nicht genug Gewicht zugelegt hatte, wer nicht längere Strecken fliegen konnte, alle Kranken – sie wurden zurückgelassen. Sie gefährdeten das Wohl aller. Das wussten alle und niemand murrte, niemand klagte.
In diesem Jahr blieb nur ein Paar zurück, die Gans hatte sich im Sommer den Flügel verletzt und es war nie richtig geheilt. Ihr Gatte blieb bei ihr, sie würden vielleicht später nachkommen. Ihre Jungen gaben sie in die Obhut von Onkeln und Tanten, sie würden mit den anderen Gänsejungen fliegen. „Fliegt! Wir kommen nach, wenn wir können und treffen uns dann im Wattenmeer. Wir finden Euch.“ Die Kinder nahmen Abschied, traurig, aber in dem Wissen, dass es so gut war. So war es immer. Wer fliegen kann, fliegt. Muss fliegen. Wer nicht fliegen kann, bleibt zurück. Muss zurück bleiben.
Vormittags stiegen die Scharen auf, drehten Kreise, weiter und weiter. „Schaut gut hin, junge Graue!“ riefen die Alten. „Schaut genau hin!“ Und sie zählten in einem immer wiederholten Singsang die Berggipfel auf: „Kebnekaise, der Vergletscherte mit seinen zwei Gipfeln! Kaskasatjåkka über dem Tarfala-Tal! Der schroffe Tuolpagorni! Schaut genau hin!“ Sie überflogen mehrfach ihren See und wieder ertönte der Singsang: „Laukkujärvi, unser See. Schaut genau hin, wie langgestreckt er ist! Der breite Holmajärvi-See direkt danach. Seht den Kalixvälven, der dem Meer zuströmt! Schaut genau hin!“
Das war das Lied der alten Gänse, damit die Jungen später ihren Weg zurückfanden. Hier waren sie aus dem Ei geschlüpft, hier hatten sie das Dunenkleid gegen die Jugendfedern getauscht, hier hatten sie gefressen und geruht und das Fliegen geübt. Hier würden sie ihre eigenen Jungen großziehen.
Die Scharen landeten wieder, kamen zurück und verbrachten den Tag nochmal im vertrauten See. Das wiederholte sich immer wieder und wieder. „Schaut genau hin!“ tönte es von allen Seiten und die jungen Gänse prägten sie sich ein, die Doppelspitze des Kebnekaise, die schroffe Flanke Tuolpagorni, den langgestreckten Laukkujärvi.
In der Nacht lehrten die Alten sie die Sternbilder: die doppelköpfigen Zwillinge, noch am Horizont; der große Bär, der den Himmelsnordpol ewig umkreiste; die zweispitzige Cassiopeia an der Seite des hellen Bandes, der Milchstraße; der kleine, verwaschene Fleck der Andromeda.
Und dann kam ein wunderschöner Morgen. Der Himmel glühte rotgolden, der Wind wehte sachte von Norden, die Gänse stiegen und sammelten sich familienweise und dann flogen sie. Nach Süden. Nach Süden. Nach Süden. Die Zurückgebliebenen sahen ihnen nach: „Kommt gut an! Wir folgen! Wir folgen!“ rief es von unten. „Wir warten! Wir warten! Im Watt! Auf den Inseln!“ tönte es von oben.
Aufbruch
Fast 2000 Kilometer Flug lagen vor den Gänsescharen. Die Schar von Vilja und Hjelpe nahm die Route über Norwegens Küste bis Trondheim, dann bogen sie ins Landesinnere ab, umflogen die hohen norwegischen Berge und hielten auf Oslo zu. Das war eine große Stadt, hell erleuchtet und so laut, dass sogar die Gänse hoch im Himmel den Lärm hören konnten. Nach Oslo kam das Meer, das Jütland von Skandinavien trennte. Die Menschen nannten die Meeresstraße Skaggerak, die Gänse sprachen von dem „litet vatten“, dem kleinen Wasser. Ab da ging es wieder zur Küste und sie flogen die letzten Kilometer nur noch kurze Strecken, machten viele Pausen und kamen schließlich in Rømø an, ihrem ersten Zwischenziel. Einige Gänse würden dort bleiben, andere würden weiter nach Süden fliegen. Vilja und Hjelpe waren noch unentschieden. Das würden sie entscheiden, wenn sie auf Rømø waren. Wichtig war, was Tomte, der Wichtel, ihnen raten würde. Sie vertrauten ihm völlig, er hatte Generationen von jungen Graugänsen unterrichtet und kannte sich aus mit Menschen, dem Wetter und der See.
Der erste Tag war aufregend für die jungen Gänse. Zum ersten Mal verließen sie das Gebiet um den Kebnekaise, langsam verschwand der große Berg mit der vergletscherten Doppelspitze hinter ihnen. Immer wieder guckten sie zurück, bis er nicht mehr zu sehen war. Jetzt waren nur noch unbekannte Seen und Berge unter ihnen. Von links und rechts riefen die alten Gänse die Namen aus: „Schaut genau hin! Der langgestreckte See Sitasjaure.“
Mutter Vilja führte, dahinter reihten sich zwei Ketten wie ein großes V. So hatten sie es geübt, sie mühten sich alle, exakt Mutters Windschatten zu folgen. Hjelpe flog eine Weile hinten, wechselte dann an die vordere Position und Vilja ließ sich etwas zurückfallen. Sie munterte alle auf, lobte hier, korrigierte dort die Position, erklärte die Namen die Seen, über die sie flogen und grüßte nach links und rechts zu anderen Scharen.
Am ersten Tag flogen sie nur bis zum Fustvatnet, einem See an der norwegischen Küste. Die aufgeregten Jungvögel hatten genug vom Formationsflug, hatten Hunger und waren so neugierig, ob es auf diesem See genauso war wie zuhause. Eine Schar nach der anderen setzte zur Landung an, die älteren Gänse betrachteten nachsichtig die Jüngeren. Aufgeregt schnatternd erzählten die Jungen, was sie alles gesehen hatten, mischten sich unter die Cousinen und Cousins, wollten wissen, ob die auch den Dampfer gesehen hatten und die Eisenbahn und und und….
Rufe ertönte von hoch oben. „Gute Reise! Gute Rast! Sind hier Scharen von Kebnekaise?“ Einige ältere Gänse reckten die Hälse, grüßten nach oben und riefen ihre Namen, ihre Scharen, ihre Herkunft. Göta vom Uddjaur, Hildis vom Gikasjön, Siska vom Limingen, so rief es durcheinander. Vilja spähte nach oben, durchforschte die kreisenden Scharen und reckte dann ihren Hals. Hell klang ihre Stimme nach oben: „Vom Knebekaise sind die Scharen hier! Vilja und Hjelper und ihre Verwandten!“ Sofort setzte zwei, drei Scharen zur Landung an. Hier kamen Verwandte, die hoch im Norden Norwegens brüteten, aber Akka von Knebekaise zur Urahnin hatte – Muhmen, Oheime, Basen und Vettern, Großnichten und -neffen. Ein großes „Hallo“, ein „Zum Glück seid Ihr alle gesund!“, ein Fragen nach diesem und jenem. Die Jungvögel wurden vorgestellt und versteckten sich verschämt hinter den älteren Verwandten.
Wer fehlte, wer war nicht dabei, wer musste zurückgelassen werden? Es wurde berichtet über eine Flügelverletzung, ein gebrochenes Bein, ein verlorenes Gelege, der Polarfuchs hatte Onkel Rolig getötet, aber zum Glück waren fast alle da. Gesund, wohlgenährt, mit glänzendem Gefieder.
Langsam kehrte Ruhe ein, man fraß, putzte sich und allmählich schlief eine Familie nach der anderen ein. Die jungen Gänse träumten vom Fliegen, streckten noch im Schlaf die Flügel, schnatterten leise und schliefen endlich tief und fest. Bewacht von einigen Gantern und Gänsen, die wachsam die Nacht durchforschten. Kein Fuchs hatte eine Chance, den vielen Augen zu entgehen. Kein Uhu blieb unentdeckt, so tief ins Gras konnte sich kein Marder drücken – die Gänse wachten.
Am nächsten Morgen wurden im Morgengrauen nacheinander alle wach, jede Familie rief ihre Mitglieder zusammen. Man hörte hier eine Mutter nach einem Nachzügler rufen, dort schimpfte ein Vater mit einem Halbwüchsigen, der sich irgendwo herumtrieb. Großeltern beantworteten geduldig tausend Fragen nach dem „Wann“ und „Wo“ und „Wohin“. Allmählich rüsteten sich alle zum Weiterflug und eine Schar nach der anderen stieg wieder auf. Die nächste Etappe war etwas weiter und sollte bis zum Trondheimfjord führen. Ein paar Gruppen hatten schon angekündigt, dass sie direkt weiterfliegen würden bis zum kleinen Wasser. Vilja und Hjelper wollten aber lieber eine Zwischenstation machen.
Am Trondheimfjord
Vom Fustvatnet bis zum Trondheimfjord kamen sie schon schneller voran, die jungen Gänse gewöhnten sich an das Fliegen und ermüdeten nicht mehr so schnell. Trotzdem wollte Vilja lieber eine Pause einlegen und alle drehten langsam bei. Auch die Gänse, die gestern aus Norwegen dazugestoßen waren, setzten zur Landung an. Es gab so viel zu erzählen!
Einige ältere nutzten die Zeit, um mit den Jungen eine Erkundungsrunde zu fliegen. Das Wetter war immer noch schön, der Himmel blau und der Wind mild. Bald tönte das vertraute „Schaut genau hin!“ aus der Luft. Aus der Schar von Vilja und Hjelper flogen alle mit, Nyfiken flog direkt hinter der Leitgans. „Sie werden selbständig,“ lächelte Vilja und schaute nach oben. Alle elf flogen wie selbstverständlich in einem großen V hinter einer der älteren Gänse aus Norwegen. Sie sahen die kleine Insel Froan draußen im Meer, das Dörfchen Hammarvika auf der Insel Hitra, das Flüsschen Gaula und die hellen Hügel von Forollhogna. „Schaut genau hin!“ riefen die alten Gänse und die Jungen prägten sich alles ein.
Hier verließen sie die Küste und kamen ins Landesinnere, vor ihnen ragten die Küstengebirge Norwegens in die Höhe mit ihren engen Fjorden und den schroffen Wänden. Das war kein gutes Gänsegebiet, das vermieden sie. Ab hier bogen sie ab in die niedrigeren Gebiete, die von Menschen dichter besiedelt waren.
Am Abend waren die jungen Gänse nicht ganz so müde. Sie blieben wach und hörten aufmerksam den Besprechungen der Älteren zu. Bald würde sie ihre Route über die Große Stadt führen. Darunter konnten sich die jungen Gänse noch nichts vorstellen. Sie hatten Bauernhöfe gesehen, kleine Fischerdörfer und einige größere Ansiedlungen von Menschen. Aber eine Stadt?
Nyfiken hatte schon mitbekommen, dass eine Stadt etwas war, wo viele Menschen wohnten. Sie hatte bisher schon einige Menschen gesehen: Zweibeiner, die in stinkenden und lauten Dingern herumrollten. Wenn sie aus den Dingern herauskamen, hatten sie schwere Säcke auf dem Rücken und stapften auf die Berge. An ihrem See wohnten auch Menschen in großen, eckigen Dingern aus Stein, aus denen oben Rauch heraus kam, der stank. Und manchmal kamen die Menschen auf den See in schmalen, langen Dingern und stecken Stöcke ins Wasser.
Also war eine Stadt auf jeden Fall etwas, das stank. Nyfiken stellte sich vor, wie überall diese stinkenden, lauten Dinger herumrollten und die Menschen in die eckigen Steindinger stapften, aus den stinkender Rauch herauskam.
Am frühen Morgen flogen die Scharen, die über die große Stadt und das kleine Wasser fliegen wollten, fort von der Küste in das Innere des Landes. Die Scharen mit halberwachsenen Gänsen oder solchen, die keine Jungen führten, folgten der Küste. Das Ziel von Vilja und Hjelper war der See Hurdalssjøen, der noch nördlich der großen Stadt lag. Dort würden sie die Nacht und den folgenden Tag verbringen und dann in der Nacht über die Stadt und das kleine Wasser fliegen.
Der Flug über Oslo
Am Nachmittag erreichten sie den See, badeten, dösten auf dem Wasser, fraßen frisches Gras, flogen ein paar Runden, landeten wieder auf dem Wasser. Die Nacht war ruhig und Nyfiken schlief tief und fest bis nach Mitternacht. Dann wachte sie auf, weil hoch am Himmel andere Vögel riefen, die auf der Reise waren. Sie hörte Lieder und Gelächter, Rufen und Antworten. Sie betrachtete den Himmel, das waren die Sternbilder, die den Winter kündeten: Orion, der Himmelsjäger, stand am Horizont; das geflügelte Ross Pegasus war hoch über ihr. Und da waren Kassiopeia und der verwaschene Flecken der Andromeda. Die Gänse hatten keine Namen für die Sternbilder, aber Nyfiken kannte sie – die Kassiopeia wies die Richtung zum Kebnekaise, der Adler zeigte die Richtung der Weiterreise an. Staunend sah sie Sternschnuppen fallen, horchte, schnupperte, nein, das war keine Gefahr. Und über ihrem Staunen schlief sie wieder ein.
Den ganzen nächsten Tag verbrachten sie hier. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel, aber es wurde merklich kälter und der Wind frischte auf. Andere Gänsescharen kamen, nicht nur von ihrer Art. Es waren auch die großen Saatgänse dabei, die einen langen Weg aus dem hohen Norden hinter sich hatten. Sie grüßten freundlich und mischten sich unter die kleineren Verwandten. Einige waren bekannt mit Vilja und Hjelper, es war ein großes Willkommen und ein endloses Erzählen. Nyfiken hielt sich dicht an die Erwachsenen, sie war zu neugierig!
Auch Gänse mit schwarzen Köpfen und weißen Wangen, kleiner als die Grauen, gesellten sich dazu. Vilja erklärte später, dass es Weißwangengänse waren, die aus dem eisigen Spitzbergen und aus dem äußersten Norden kamen. „Ihr habt es gut,“ erzählte sie, „ihr könnte aus dem Nest einfach auf die Wiese spazieren und zum See laufen. Die Kinder der Weißwangengänse werden ganz hoch auf einer steilen Klippe geboren. Kaum dass ihr Dunengefieder trocken ist, springen sie von dort herunter.“ Nyfiken und ihre Geschwister waren entsetzt und betrachteten die kräftigen jungen Weißwangengänse mit Respekt und Ehrfurcht. Aber die waren lustig und fröhlich und fanden keinesfalls, dass dieser Sprung etwas Besonderes war. Sie wollten lieber hören, was die Graugänse über die Menschen erzählen konnten und fanden kein Ende beim Fragen nach Straßen und Eisenbahnen und wieso es da unten so hell war, mitten in der Nacht.
Als es Abend wurde, fanden sich die Familien wieder und besprachen, wer heute Nacht fliegen würde und wer hier blieb. Man verabschiedete sich, verabredete Treffpunkte und dann ging es für Vilja und Hjelper und ihre Kinderschar zusammen mit vielen, vielen anderen Familien los. Nach Süden.
Der Nordwind war stärker geworden, er brachte Kälte und den Geruch nach Schnee mit sich. Der Himmel war klar, die Sternbilder des frühen Winters erstrahlten deutlich. Das lange Band der Milchstraße zog sich quer über den Himmel und mittendrin flog der majestätische Schwan in ihre Richtung: nach Süden. Nyfiken sah immer wieder zu ihm hoch, sie stellte sich vor, dass er ihnen vorausflog und die Richtung wies.
Bald erstrahlte in der Ferne am Boden ein heller Fleck, wurde größer, heller, lauter. Die jungen Gänse rückten dichter zusammen, aber die Eltern flogen zielstrebig weiter. Gefahr schien nicht zu drohen, trotz des Lärms von unten, trotz der grellen Lichter und des Gestanks. „Das ist Oslo,“ rief Hjelper und ließ sich zurückfallen. Er reihte sich in die Schar seiner Kinder ein. „Die große Stadt der Menschen. Es ist ungefährlich, wenn wir hoch darüber fliegen. Fürchtet Euch nicht!“ Von allen Seiten hörten sie die älteren Gänse rufen „Fürchtet Euch nicht!“ und sie flogen, flogen über die große Stadt, die kein Ende zu nehmen schien.
Dann war sie plötzlich zu Ende. Das Licht war weg, es erlosch nicht langsam, es war weg. Nyfiken fand das seltsam. Anfangs war das Licht und der Lärm langsam angestiegen, schwoll zu einem Inferno und jetzt war es dunkel und still. Hjelper erklärte ihr, dass die große Stadt an der Küste lag und die Menschen nur auf dem Land sein konnten. Wasser war immer das Ende von Licht und Lärm und Gestank und den Menschen. Auch das fand Nyfiken seltsam, warum schwammen die Menschen nicht im Wasser?
Sie flogen hinaus auf den Oslofjord, weiter und weiter bis zum Kleinen Wasser. „Das ist das Meer“, rief Hjelpe. „Und vor uns seht ihr bald das nächste Land.“ Bald hörten sie wieder den vertrauten Gesang „Schaut genau hin!“ Und sie schauten genau hin, hinter sich das bergige Land voller Fjorde und Gletscher, vor sich eine flache, schmale Ebene. „Schaut genau hin! Das ist Jütlands Küste, schaut genau hin!“
„Wir bleiben heute im Limfjord“, bestimmte Vilja. „Ich will mit den Kindern am Morgen nach Rømø fliegen. Sie sollen das Wattenmeer und die Inseln im hellen Sonnenschein sehen.“ Andere Scharen flogen in der Nacht weiter, sie wollten schnell die Inseln im Wattenmeer erreichen. Ihnen war es egal, ob man in finsterer Nacht oder am hellen Morgen ankam – Hauptsache, diese Reise fand ihr vorläufiges Ende und sie waren in Sicherheit auf einer Hallig oder einer Insel oder auf dem endlosen Deich.
Vilja und Hjelme flogen nur noch ein kurzes Stück und landeten dann im weitläufigen Limfjord, der den Nordteil Dänemarks vom Festland trennt. Viele der Scharen, die schon viel weiter aus dem Norden geflogen waren, rasteten hier ebenfalls mit ihrer Kinderschar. So war der Limfjord bald bevölkert von Graugänsen vom Kebnekaise oder von der Nordspitze Norwegens, von Weißwangengänsen aus Sibirien und den Zwerggänsen aus Spitzbergen, auch die großen Bless- und die dunklen Saatgänse gesellten sich mit ihren Kinderscharen dazu. Ein paar Scharen Graugänse kamen aus Finnland und nannten sich nach dem finnischen Namen „Metsähanhi“ – das heißt Waldgänse. Denn in Finnland brüteten die Graugänse nicht auf weiten, offenen Grasflächen, sondern an verborgenen Waldseen.
Nyfiken fand das alles spannend, Sie schwamm im Limfjord mit den anderen Gänsen und hörte fremde Sprachen, lauschte den Erzählungen der jungen Gänse aus Spitzbergen über Eisbären und Rentiere, staunte immer noch über den Sprung der jungen Weißwangengänse hoch von den Klippen und ließ sich von einer jungen Tundra-Saatgans erzählen, wie die baumlose Tundra aussieht.






