Neugieriges kleines Gänsemädchen
Laja ist eine Graugans aus dem berühmten Geschlecht der Akka von Kebnekaise, die den in einen Kobold verwandelten Nils Holgersson in ihrer Schar geduldet hat. Aber das ist eine andere Geschichte, die man in Ruhe hören muss.
Der Kebnekaise ist der höchste Berg Schwedens. Er ragt zweitausend Meter in den Himmel, seine Doppelspitze ist karg und von Gletschern gekrönt. Rund um den Kebnekaise gibt es große Seen und eine weite Landschaft mit nahrhaftem Gras.
Laja ist am langgestreckten See Laukkujärvi südlich vom Kebnekaise Ende April aus dem Ei geschlüpft. Ihre Mutter ist Vilja, die Gütige, und ihr Vater heißt Hjelpe. In diesem Jahr hatten die beiden acht eigene Küken und dazu noch drei Küken von Viljas ältester Tochter. Elf Küken schwammen in einer Reihe hinter der Mutter her, Hjelpe bildete den Schluss und bewachte stolz seine große Schar. Von nah und fern grüßten die Gänse ihn, neigten die Hälse und bewunderten Vilja und ihn.
Der Frühsommer war mild und sonnig, frisches Gras spross an den Ufern und die kleinen Gänse wurden von ihren Eltern zu den nahrhaftesten Stellen geführt. Sie probierten die Spitzen der Gänseblümchen, fraßen nur die feinsten Gräser, versuchten junge Kräuter und wuchsen dabei prächtig. Bald hatte jedes sein Lieblingsgras oder -kraut. Hjelme stand mit hoch erhobenem Kopf da und beobachte die Umgebung. Kein Fuchs, kein Adler sollte seinen Kindern zu nahe kommen. Die Gänschen lernten, auf den Warnruf von Vater oder Mutter schnell Schutz bei den Eltern zu suchen und regungslos auf die Entwarnung zu warten. An Land drückten sie sich fest an den Boden und wagten kaum, zu atmen. Auf dem Wasser drängten sie sich eng an die Eltern, zogen die Köpfchen ein und lugten vorsichtig nach der Gefahr.
Noch hatten die Gänsejungen keine Namen. Ihre Eltern rufen sie „poijke“ (Bübchen) oder „flicka“ (Mädel). Ihren richtigen Namen bekommen sie erst später, sie müssen ihn verdienen. So hat Hjelpe seinen Namen bekommen, weil er einen Knoten gelöst und einen jungen Ganter von einem Strick befreit hat. Ein wahrer Helfer, fanden die Gänse, und gaben ihm seinen endgültigen Namen „Hjelpe, der Helfer“. Vilja hat gleich in ihrem ersten Jahr als Mutter ein verwaistes Entenküken in ihre Schar aufgenommen und ihm alles beigebracht, was es wissen musste. Sie half, wo sie konnte und bekam schon als ganz junge Gans den Name „Die Gütige“.
Abends wurde bei den Gänsen immer viel erzählt: von den langen Reisen, die sie im Frühjahr und Herbst unternahmen, von den Inseln im Wattenmeer und dem großen Elbestrom, von den Windrädern, die man umflog und natürlich von der ehrwürdigen Akka von Kebnekaise und ihrer Reise mit Nils Holgersson. Es wurde geschnattert bis endlich alle müde wurden und die Köpfe unter den Flügeln bargen.
„Können alle Menschen mit uns reden?“ wollte eine kleine Gans wissen. „Werden wir auch Menschen treffen, die sich mit uns unterhalten?“
Vilja betrachtete das Küken und lächelte. „Liten nyfiken tjej, kleines neugieriges Mädchen. Nein, wir werden keine Menschen treffen, die uns verstehen. Es sei denn, es wurde wieder ein ungezogener kleiner Menschen-Bub in einen Kobold verwandelt. Nur Kobolde und Wichtel können mit uns reden. Menschen verstehen uns nicht.“
„Treffen wir Kobolde?“
„Wir werden Wichtel treffen auf unserer Reise. Sie fliegen gerne mit uns und wir nehmen sie gerne mit. Sie wissen viel und berichten uns, was in der Welt der Menschen alles passiert.“
„Wann treffen wir die Wichtel? Wo leben sie? Wie heißen sie? Nehmen wir auch einen mit? Und …“
Vilja lachte herzlich, so viele Fragen auf einmal. Von dem Tag an nannten alle die neugierige kleine Gans Nyfiken. Aber das war noch nicht ihr endgültiger Name.
Der erste Flug
Nyfiken wuchs mit ihren vielen Geschwistern, Cousinen und Cousins heran, schwamm mit den Eltern, Tanten und Onkeln auf dem See und wurde größer und kräftiger. Die Tage wurde länger und länger und bald ging die Sonne gar nicht mehr unter. Sie stieg vom Horizont hoch an den Himmel, neigte sich wieder dem Horizont zu und noch bevor sie dahinter verschwinden konnte, stieg sie wieder hoch. Das ist der Polartag, den es nur ganz im Norden gibt. Das geht am Kebnekaise so von Juni bis Ende Juli.
Anfang Juni war das weiche, flauschige Dunenkleid schon verschwunden und durch grau-braune Jugendfedern ersetzt worden. Alle Geschwister übten fleißig, mit ihren Flügeln zu schlagen und bald fühlten sie den Wind unter den Schwingen. Mitte Juni war es soweit: Nyfiken fühlte, dass sie heute das erste Mal fliegen würde. Sie schlug mit den Flügeln und dann lief sie los. Die Wiese war weich unter ihren Füßen, der Wind griff milde unter ihre Federn, sie lief, lief, lief und dann schwebte sie! Erschrocken sah sie nach unten. „Schlag mit den Flügeln“, rief ihr Vater, „schlag, schlag!“ Und sie schlug und flog und schlug und flog. Ihr Herz machte einen Hüpfer! Sie flog! Sie flog! Der Wind rauschte in ihren Federn, griff unter ihre Flügel, ihr Herz pochte.
„Und wie komme ich jetzt wieder runter?“ bang sah Nyfiken nach unten. Da hörte sie einen ruhigen, kräftigen Flügelschlag, ihr Vater flog dicht neben ihr. „Schlagen,“ sagte er ruhig. „Atmen, schlagen, atmen, schlagen. Nach vorne gucken nicht vergessen. Mein kleines Mädchen macht das gut.“ Nyfiken musste an so viel denken: schlagen, atmen, nach vorne gucken, schlagen, weiter schlagen. „Papa, wie komme ich runter?“
Er schaute vergnügt zu ihr herüber und gluckste leise. Das war auch seine Angst beim ersten Flug gewesen. „Kippe die Flügel ein wenig nach hinten, nur ganz wenig. Jetzt drehen wir zusammen nach links. Langsam, sachte, sachte. Jetzt die Füße vorstrecken, weit nach vorne.“ Nyfiken versuchte es, eine kleine Kurve gelang ihr, ihr Vater war dicht neben ihr und sie wurde langsamer, sie sank. Mit vorgestreckten Füßen kippte sie automatisch nach hinten. „Wir landen auf dem See,“ hörte sie ihren Vater sagen. Es rauschte in ihren Ohren, das Wasser kam näher, das Wasser war vertraut, sie liebte das Wasser … wuuuuusch! Sie war im Wasser, prustend und schnaubend und glücklich. So glücklich! „Papa, Mama! Ich bin geflogen! Geflogen!“
Kleine Freunde, große Freunde
Lilla röd, das muntere Rotkehlchen mit der roten Brust, sang lautstark von einer kleinen Fichte über Nyfikens ersten Flug. „Sie ist geflooooogen! Gratuliere!“, schmetterte sie, „Gratuliiiiiieeere! Das war ein sehr schöner Flug.“ Ihre Brustfedern sträubten sich vor lauter Freude und ihre Flügel zitterten leicht. Mit schwarzen glänzenden Augen sah sie zu ihrer großen Freundin herunter. „Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis ihr fortfliegt.“
„Kommst Du mit?“, wollte Nyfiken wissen. Aber Lilla röd sträubte ihre Feder und schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Ich komme nach, wenn ich hier keine Beeren mehr finde. Wenn der Schnee ganz hoch liegt und der Wind vom Kebnekaise fegt. Dann fliege ich mit meinen Freunden auch fort.“ Lilla röd versprach, dass sie sich im Winter sehen würden. Sie war schon im letzten in einem kleinen Dorf an der Küste gewesen und hatte es sich im Garten eines Reetdachhauses gut gehen lassen. Jetzt schwärmte sie Nyfiken von Beeren vor, die dort wuchsen und von freundlichen Menschen, die extra weiche Haferflocken – „ganz in Öl getränkt!“ – auslegten.
„Chirrrrrp! Drrrrriddddl! Gut bissssst Du geflogen! Trrriiii! Wirrrrr haben Dich gesssssehen!“ riefen die Mehlschwalben von hoch oben. Eine flitzte ganz nah an Nyfiken vorbei, sauste hoch, tauchte wieder herab und landete schließlich in der Nähe von Lilla röd auf einem Zweig. „Wirrrrrrr fliegen bald ab, einige meiner Kusinen sind schon vorrrrrrrrrrr zzzzzzwei Tagen fort.“ „Wo fliegt ihr hin, sehen wir uns im Winter?“ fragte die Graugans. Aber die Schwalbe lachte, sie flogen viel, viel weiter. Über das kalte Land, dann hoch über das Schneegebirge, hinunter zum großen Fluss, über das warme Meer, über das heiße baumlose Land, bis zu den feuchten und immer warmen Grasebenen. Nyfiken machte große Augen, das konnte sie sich nicht vorstellen. „Wie findet ihr dahin? Und findet ihr den weiten Weg wieder zurück zum Kebnekaise?“ Nyfiken sah ängstlich ihre kleine Freundin an. Die zuckte aber nur mit den Flügeln. „Wirrrrr wisssssen esssss.“ Aber erklären konnte sie es nicht. Sie wussten einfach, wohin sie fliegen mussten, wie lange sie unterwegs sein mussten und wann sie angekommen waren.
„Ich, ich, ich komme zu Euch, juchhe!“ tirilierte ein Buchfink. „Hier, hier, hier wird es kalt, so kalt.“ Eifrig nickend trippelte er auf einem waagerechten Ast hin und her. „Tik! Tik! Hört Ihr mich? Ich fliege auch in die Gärten am Meer. Tik! Tik!“ Seine rote Brust leuchte in der Sonne, die weißen Abzeichen auf den Flügeln blitzten. Er sah schmuck aus, der junge Buchfink-Mann. Und das sang er auch jeden Tag viele Male „Hab, hab, hab ich nicht so schöne Farben!“ oder „Schau, schau, schau, ich bin ein schöner Mann!“
Nyfiken lächelte über den aufgeregten Buchfinken. „Das ist fein, dann sehen wir uns ja vielleicht im Winter. Wisst Ihr, wer sonst noch fliegt?“ Lilla röd zählte auf: die Bergfinken flogen meistens, aber die kleinen Blau- und die großen Kohlmeisen blieben hier, auch der bunte Specht blieb. Der Rotschwanz mit seiner Familie, alle Schwalben, die winzigen Zaunkönige und die so wunderschön singende Singdrossel zogen aber alle nach Süden. Manche blieben in der Nähe, so wie Lilla röd, das Rotkehlchen. Andere zogen weiter, wo es wärmer war. Zum Mittelmeer, so sagte man – was immer das für ein Meer war. Jedenfalls war es wärmer, viel wärmer als hier. Einige wenige flogen so weit wie die Schwalben, der Kuckuck gehörte auch dazu.
Und manchmal machten sich die prächtigen bunten Seidenschwänze auf den Weg nach Süden, dann liefen die Menschen zusammen und bewunderten die wunderschönen Vögel. Stahlgrau das Gefieder, leuchten gelb die Schwanzspitze, schwarze Augenbinden und eine schwarze Kehle, eine rostrote Brust – ach, so schön! Nicht nur die Menschen schwärmten die Seidenschwänze an, ihnen flogen auch die neidischen Blicke der unscheinbaren Vögel zu und so manch ein junges Reh träumte davon, auch so, so, so schön zu sein.
Nyfiken dachte lange darüber nach, wie das sein würde, wenn so viele abflogen. Dann würde es hier sehr still werden. Das war traurig für die Tiere, die hierblieben. Wenn sie vor dem Abflug noch Stor Fot, das Rentier, treffen würde, wollte sie ihn fragen. Stor Fot hieß so, weil er als junges Ren mit seinen großen Füßen fast eine brütende Gans aus Viljas Schar platt getreten hätte. Die hatte mächtig geschimpft, ob er nicht achtgeben könne, der Rüpel! Sie konnte gar nicht mehr aufhören, sie aufzuregen. Stor Fot hatte sich sehr geschämt, dass er so unachtsam war und sich ganz oft entschuldigt. Er wurde ganz rot, seine Nase wurde rot, so sehr schämte er sich. In Zukunft war er ganz besonders achtsam, wohin er seine Füße setzte und jedes Mal, wenn er sie ansah, schämte er sich wieder über seine großen Füße. So wurde er unter den Graugänsen von Viljas Schar bekannt als „das freundliche junge Rentier mit den großen Füßen“.
Wie sich wohl alle zurechtfinden würden? Der junge Kuckuck zum Beispiel flog ganz alleine, davor gruselte sich Nyfiken ordentlich. Sie war immer in der Schar und Mama und Papa und die ganzen anderen Gänse sorgten dafür, dass sie richtig flogen.
Aber Herr und Frau Kuckuck waren schon seit einigen Wochen fort. Sie hatten ihren Sohn bei den Gartenrotschwänzen aufziehen lassen. Alle lachten über die Gartenrotschwänze, die ganz winzig gegenüber dem dicken großen Kuckuckskind aussahen. Soviel Futter wie ihr Pflegling brauchte! Das konnten die zwei kaum herbeischaffen. Trotzdem waren sie stolz auf ihren „Sohn“. Oft saß Vater Gartenrotschwanz auf einem Busch und sang ein Lied über seinen wundervollen Sohn.
Der junge Kuckuck saß jetzt alleine auf einem Ast, bettelte immer noch seine Pflegeeltern an und wartete darauf, dass er kräftig genug zum Abflug wurde. Er übte das Fliegen genauso wie die jungen Gänse, schlug kräftig mit seinen grauen Flügeln und putzte sorgfältig sein Gefieder. Bei seinen ersten Übungsflügen flüchteten alle kleinen Vögel in Deckung, denn er sah mit seinen spitzen, sichelförmigen Flügeln wie ein gefährlicher Greifvogel aus. Wenn er bereit war, würde er ganz alleine seinen Weg finden. Über das Land, das Meer, das trockene Land – Nyfiken schüttelte sich und schwamm eilig zu ihrer Familie.