Vor dem Haus meiner Oma stand eine Bank. Keine hübsche weiße Holzbank, sondern eine ziemlich hässliche gemauerte Bank. Sie gehörte zum Haus wie sie bei allen Nachbarhäusern dazugehörte.
Sie hatte eine wichtige Funktion. Dort saß Opa, wenn er von der Schicht kam und zog sich die Schuhe aus, rauchte vielleicht eine Pfeife oder einen Zigarillo. Dort setzte sich Oma mit ihren Bohnen oder Erbsen hin, die geschnibbelt oder gedöppt werden mussten.
Manchmal brachte jemand eine Ziehharmonika und es wurde musiziert.
Warum saßen die Menschen vor dem Haus an der Straße? War es auf der Terrasse hinter dem Haus nicht viel gemütlicher?
Nein. Denn hinter dem Haus war es absolut ungemütlich. Zur Küchentür ging es direkt in den Hof mit Hühnerstall, Schuppen für Holz und Kohle. Arbeitsgeräte lagen und standen herum. Omas Nachbarn fütterten im Anbau ein Schwein, vor dem ich mich entsetzlich fürchtete. Hin und wieder musste ich Kartoffelschalen oder Gemüsereste zum Schwein tragen und über die Holzwand werfen, dann grunzte es in meinen Ohren bedrohlich laut. Wahrscheinlich hat sich das Schwein gefreut und mich fröhlich begrüßt. Es war vermutlich sehr traurig, dass ich so entsetzt floh.
Der Hof war kein Erholungs- und Freizeitbereich. 1965 hatte niemand in unserer „Kolonie“, der Bergarbeitersiedlung, auch nur etwas ähnliches wie eine Terrasse. Hinter dem Haus wartete Arbeit. Hier wurde Holz gehackt, Hühner wurden geschlachtet, Kohlen in Eimer gefüllt und Mist für den Garten aufgeschichtet.
Vor dem Haus war es anders – hier konnte man sich unterhalten mit den Nachbarn, die von der Arbeit kamen. Am Wochenende kamen sie vielleicht vom Sportplatz und berichteten über den Ausgang des Fußballspiels. Oder man erfuhr, ob Nachbars Lene bald heiratet.
Nicht alle Häuser hatten Bänke. Dann hielten die Treppenstufen her. Ich erinnere mich daran, dass einige Omas meiner Straße auf den Treppenstufen vor der Haustür saßen und Bohnen schnibbelten. Als Kinder hockten wir daneben und ließen uns erzählen, was Oma Else zu erzählen hatte.
Ich habe als sechsjährige viele Stunden mit den Nachbarinnen auf den Treppenstufen verbracht und mir erzählen lassen, warum Oma Ehlert ein Glasauge trug. War sie gut gelaunt, nahm sie es sogar zu unserer Freude und unserem Schauder heraus und zeigte es herum.
Als die Uromas und Uropas starben, verwaisten die Bänke und die Treppenstufen. Die Nachkommen bauten Terrassen hinter dem Haus, stellen Hollywoodschaukeln auf und zogen sich in die Privatsphäre zurück. Nur die eine andere ältere Dame hielt einen Hauch der Tradition aufrecht, indem sie sehr, sehr lange Haustür und Treppenstufen putzte – immer in der Hoffnung, eine redefreudige Nachbarin kommt vorbei.
Nachdem ich zum Studium weit weg gezogen war und nur noch gelegentlich das elterliche Haus besuchte, kam es zu einer anfangs Mini-Kaskade an Treppenputzern. Ich zog mit Einkaufskorb am Vormittag los, für alle sichtbar auf dem Weg an die Straße zu den Geschäften. Man konnte sich gut denken, wann ich wieder auf dem Rückweg sein würde. Und just, wenn ich die Straße mit gefülltem Korb entlang zurück spazierte, wurden Treppenstufen geputzt, Haustüren abgewischt und Einfahrten gefegt. Ich brauchte für die knappen 300 Meter unsere kleine Straße entlang zum Haus der Eltern länger als für den gesamten Einkauf. Wie habe ich das genossen!