2026

Kindertage einer Graugans (2)

Nach Süden

Nach und nach flogen alle Geschwister und die Cousinen und Cousins. Alle drehten ihre Runden über dem See und landeten spritzend und wassertretend im See. Von diesem Tag an hieß es: üben, üben, üben! Die älteren Gänse flogen mit den Jungen immer weitere Strecken, erkundeten die Seen im Umkreis, flogen zum Kebnekaise und erzählten von der Urahnin Akka.

So ging der Juni ins Land, der heiße Juli mit den vielen Mückenschwärmen ging vorüber. Der August kam und die Sonne ging das erste Mal wieder unter. Für die jungen Gänse war es die erste Nacht, die sie bewusst wahrnahmen und sie staunten über die Dunkelheit. 

Die jungen Gänse fraßen, übten fliegen, erkundeten die Umgebung, lernten die Bergnamen auswendig, hörten die Geschichten am Abend an und schliefen schließlich todmüde ein. Tag für Tag verging, die Tage wurden kürzer, die Nächte kälter, die Sterne wechselten am Himmel. Sommersternbilder zogen vorüber, die Herbststerne kamen und Anfang September verschwand tief am Horizont Arcuturus, der hellste Stern aus dem Bärenhüter. Zwei Wochen später tauchte auf der anderen Seite der rote Beteigeuze auf, der ankündigte, dass der Himmelsjäger Orion bald prächtig am Himmel erstrahlen würde.

In dieser Zeit kamen die Rentierherden näher an den See und Nyfiken hielt Ausschau nach Stor Fot, ihren großen pelzigen Freund mit dem prächtigen Geweih. Eines Morgens sah sie ihn am Ufer stehen, aufmerksam die Gänse betrachtend. Als er sie entdeckt hatte, rief er ihr schnaubend und heiser einen Gruß zu. „Wann geht es los?“, wollte er von der jungen Gans wissen. „Bald“, sagte Nyfiken. „Die Alten beobachten schon lange die Sterne.“ Stor Fot musterte Nyfiken und bewunderte ihr Gefieder. „Groß bist Du geworden – und schwer!“, er grinste sie an. „Na hör mal,“ Nyfiken war empört. Sollte sie vielleicht kurz vor dem Abflug Diät halten? Aber Stor Fot lachte nur, „schwer“ war ja ein Kompliment für eine Gans. „Du brauchst die Reserven für den langen Flug. Das wird anstrengend und so viel werdet ihr unterwegs nicht futtern können.“ Die beiden redeten noch eine Weile und verabschiedeten sich dann – bis zum nächsten Frühling!

Schaut genau hin!

Vilja und Hjelpe beobachteten die Sterne. „Es wird Zeit für den Flug nach Süden,“ sagte Hjelpe eines Abends. „Wir müssen mit den Ältesten beratschlagen.“ Die ältesten Gänse bestimmten, wann es Zeit für den Abflug wurde. Sie begutachteten die Jungvögel, betrachteten das Gefieder der älteren Gänse. Alles musste perfekt sein. Die Mauser abgeschlossen, die Flugleistung ausreichend, jeder musste gut genährt sein. Wer seine Federn nicht gewechselt hatte, wer nicht genug Gewicht zugelegt hatte, wer nicht längere Strecken fliegen konnte, alle Kranken – sie wurden zurückgelassen. Sie gefährdeten das Wohl aller. Das wussten alle und niemand murrte, niemand klagte.

In diesem Jahr blieb nur ein Paar zurück, die Gans hatte sich im Sommer den Flügel verletzt und es war nie richtig geheilt. Ihr Gatte blieb bei ihr, sie würden vielleicht später nachkommen. Ihre Jungen gaben sie in die Obhut von Onkeln und Tanten, sie würden mit den anderen Gänsejungen fliegen. „Fliegt! Wir kommen nach, wenn wir können und treffen uns dann im Wattenmeer. Wir finden Euch.“ Die Kinder nahmen Abschied, traurig, aber in dem Wissen, dass es so gut war. So war es immer. Wer fliegen kann, fliegt. Muss fliegen. Wer nicht fliegen kann, bleibt zurück. Muss zurück bleiben.

Vormittags stiegen die Scharen auf, drehten Kreise, weiter und weiter. „Schaut gut hin, junge Graue!“ riefen die Alten. „Schaut genau hin!“ Und sie zählten in einem immer wiederholten Singsang die Berggipfel auf: „Kebnekaise, der Vergletscherte mit seinen zwei Gipfeln! Kaskasatjåkka über dem Tarfala-Tal! Der schroffe Tuolpagorni! Schaut genau hin!“ Sie überflogen mehrfach ihren See und wieder ertönte der Singsang: „Laukkujärvi, unser See. Schaut genau hin, wie langgestreckt er ist! Der breite Holmajärvi-See direkt danach. Seht den Kalixvälven, der dem Meer zuströmt! Schaut genau hin!“

Das war das Lied der alten Gänse, damit die Jungen später ihren Weg zurückfanden. Hier waren sie aus dem Ei geschlüpft, hier hatten sie das Dunenkleid gegen die Jugendfedern getauscht, hier hatten sie gefressen und geruht und das Fliegen geübt. Hier würden sie ihre eigenen Jungen großziehen.

Die Scharen landeten wieder, kamen zurück und verbrachten den Tag nochmal im vertrauten See. Das wiederholte sich immer wieder und wieder. „Schaut genau hin!“ tönte es von allen Seiten und die jungen Gänse prägten sie sich ein, die Doppelspitze des Kebnekaise, die schroffe Flanke Tuolpagorni, den langgestreckten Laukkujärvi.

In der Nacht lehrten die Alten sie die Sternbilder: die doppelköpfigen Zwillinge, noch am Horizont; der große Bär, der den Himmelsnordpol ewig umkreiste; die zweispitzige Cassiopeia an der Seite des hellen Bandes, der Milchstraße; der kleine, verwaschene Fleck der Andromeda.

Und dann kam ein wunderschöner Morgen. Der Himmel glühte rotgolden, der Wind wehte sachte von Norden, die Gänse stiegen und sammelten sich familienweise und dann flogen sie. Nach Süden. Nach Süden. Nach Süden. Die Zurückgebliebenen sahen ihnen nach: „Kommt gut an! Wir folgen! Wir folgen!“ rief es von unten. „Wir warten! Wir warten! Im Watt! Auf den Inseln!“ tönte es von oben.

Aufbruch

Fast 2000 Kilometer Flug lagen vor den Gänsescharen. Die Schar von Vilja und Hjelpe nahm die Route über Norwegens Küste bis Trondheim, dann bogen sie ins Landesinnere ab, umflogen die hohen norwegischen Berge und hielten auf Oslo zu. Das war eine große Stadt, hell erleuchtet und so laut, dass sogar die Gänse hoch im Himmel den Lärm hören konnten. Nach Oslo kam das Meer, das Jütland von Skandinavien trennte. Die Menschen nannten die Meeresstraße Skaggerak, die Gänse sprachen von dem „litet vatten“, dem kleinen Wasser. Ab da ging es wieder zur Küste und sie flogen die letzten Kilometer nur noch kurze Strecken, machten viele Pausen und kamen schließlich in Rømø an, ihrem ersten Zwischenziel. Einige Gänse würden dort bleiben, andere würden weiter nach Süden fliegen. Vilja und Hjelpe waren noch unentschieden. Das würden sie entscheiden, wenn sie auf Rømø waren. Wichtig war, was Tomte, der Wichtel, ihnen raten würde. Sie vertrauten ihm völlig, er hatte Generationen von jungen Graugänsen unterrichtet und kannte sich aus mit Menschen, dem Wetter und der See. 

Der erste Tag war aufregend für die jungen Gänse. Zum ersten Mal verließen sie das Gebiet um den Kebnekaise, langsam verschwand der große Berg mit der vergletscherten Doppelspitze hinter ihnen. Immer wieder guckten sie zurück, bis er nicht mehr zu sehen war. Jetzt waren nur noch unbekannte Seen und Berge unter ihnen. Von links und rechts riefen die alten Gänse die Namen aus: „Schaut genau hin! Der langgestreckte See Sitasjaure.“

Mutter Vilja führte, dahinter reihten sich zwei Ketten wie ein großes V. So hatten sie es geübt, sie mühten sich alle, exakt Mutters Windschatten zu folgen. Hjelpe flog eine Weile hinten, wechselte dann an die vordere Position und Vilja ließ sich etwas zurückfallen. Sie munterte alle auf, lobte hier, korrigierte dort die Position, erklärte die Namen die Seen, über die sie flogen und grüßte nach links und rechts zu anderen Scharen.

Am ersten Tag flogen sie nur bis zum Fustvatnet, einem See an der norwegischen Küste. Die aufgeregten Jungvögel hatten genug vom Formationsflug, hatten Hunger und waren so neugierig, ob es auf diesem See genauso war wie zuhause. Eine Schar nach der anderen setzte zur Landung an, die älteren Gänse betrachteten nachsichtig die Jüngeren. Aufgeregt schnatternd erzählten die Jungen, was sie alles gesehen hatten, mischten sich unter die  Cousinen und Cousins, wollten wissen, ob die auch den Dampfer gesehen hatten und die Eisenbahn und und und….

Rufe ertönte von hoch oben. „Gute Reise! Gute Rast! Sind hier Scharen von Kebnekaise?“ Einige ältere Gänse reckten die Hälse, grüßten nach oben und riefen ihre Namen, ihre Scharen, ihre Herkunft. Göta vom Uddjaur, Hildis vom Gikasjön, Siska vom Limingen, so rief es durcheinander. Vilja spähte nach oben, durchforschte die kreisenden Scharen und reckte dann ihren Hals. Hell klang ihre Stimme nach oben: „Vom Knebekaise sind die Scharen hier! Vilja und Hjelper und ihre Verwandten!“ Sofort setzte zwei, drei Scharen zur Landung an. Hier kamen Verwandte, die hoch im Norden Norwegens brüteten, aber Akka von Knebekaise zur Urahnin hatte – Muhmen, Oheime, Basen und Vettern, Großnichten und -neffen. Ein großes „Hallo“, ein „Zum Glück seid Ihr alle gesund!“, ein Fragen nach diesem und jenem. Die Jungvögel wurden vorgestellt und versteckten sich verschämt hinter den älteren Verwandten.

Wer fehlte, wer war nicht dabei, wer musste zurückgelassen werden? Es wurde berichtet über eine Flügelverletzung, ein gebrochenes Bein, ein verlorenes Gelege, der Polarfuchs hatte Onkel Rolig getötet, aber zum Glück waren fast alle da. Gesund, wohlgenährt, mit glänzendem Gefieder.

Langsam kehrte Ruhe ein, man fraß, putzte sich und allmählich schlief eine Familie nach der anderen ein. Die jungen Gänse träumten vom Fliegen, streckten noch im Schlaf die Flügel, schnatterten leise und schliefen endlich tief und fest. Bewacht von einigen Gantern und Gänsen, die wachsam die Nacht durchforschten. Kein Fuchs hatte eine Chance, den vielen Augen zu entgehen. Kein Uhu blieb unentdeckt, so tief ins Gras konnte sich kein Marder drücken – die Gänse wachten.

Am nächsten Morgen wurden im Morgengrauen nacheinander alle wach, jede Familie rief ihre Mitglieder zusammen. Man hörte hier eine Mutter nach einem Nachzügler rufen, dort schimpfte ein Vater mit einem Halbwüchsigen, der sich irgendwo herumtrieb. Großeltern beantworteten geduldig tausend Fragen nach dem „Wann“ und „Wo“ und „Wohin“. Allmählich rüsteten sich alle zum Weiterflug und eine Schar nach der anderen stieg wieder auf. Die nächste Etappe war etwas weiter und sollte bis zum Trondheimfjord führen. Ein paar Gruppen hatten schon angekündigt, dass sie direkt weiterfliegen würden bis zum kleinen Wasser. Vilja und Hjelper wollten aber lieber eine Zwischenstation machen.

Am Trondheimfjord

Vom Fustvatnet bis zum Trondheimfjord kamen sie schon schneller voran, die jungen Gänse gewöhnten sich an das Fliegen und ermüdeten nicht mehr so schnell. Trotzdem wollte Vilja lieber eine Pause einlegen und alle drehten langsam bei. Auch die Gänse, die gestern aus Norwegen dazugestoßen waren, setzten zur Landung an. Es gab so viel zu erzählen!

Einige ältere nutzten die Zeit, um mit den Jungen eine Erkundungsrunde zu fliegen. Das Wetter war immer noch schön, der Himmel blau und der Wind mild. Bald tönte das vertraute „Schaut genau hin!“ aus der Luft. Aus der Schar von Vilja und Hjelper flogen alle mit, Nyfiken flog direkt hinter der Leitgans. „Sie werden selbständig,“ lächelte Vilja und schaute nach oben. Alle elf flogen wie selbstverständlich in einem großen V hinter einer der älteren Gänse aus Norwegen. Sie sahen die kleine Insel Froan draußen im Meer, das Dörfchen Hammarvika auf der Insel Hitra, das Flüsschen Gaula und die hellen Hügel von Forollhogna. „Schaut genau hin!“ riefen die alten Gänse und die Jungen prägten sich alles ein.

Hier verließen sie die Küste und kamen ins Landesinnere, vor ihnen ragten die Küstengebirge Norwegens in die Höhe mit ihren engen Fjorden und den schroffen Wänden. Das war kein gutes Gänsegebiet, das vermieden sie. Ab  hier bogen sie ab in die niedrigeren Gebiete, die von Menschen dichter besiedelt waren.

Am Abend waren die jungen Gänse nicht ganz so müde. Sie blieben wach und hörten aufmerksam den Besprechungen der Älteren zu. Bald würde sie ihre Route über die Große Stadt führen. Darunter konnten sich die jungen Gänse noch nichts vorstellen. Sie hatten Bauernhöfe gesehen, kleine Fischerdörfer und einige größere Ansiedlungen von Menschen. Aber eine Stadt?

Nyfiken hatte schon mitbekommen, dass eine Stadt etwas war, wo viele Menschen wohnten. Sie hatte bisher schon einige Menschen gesehen: Zweibeiner, die in stinkenden und lauten Dingern herumrollten. Wenn sie aus den Dingern herauskamen, hatten sie schwere Säcke auf dem Rücken und stapften auf die  Berge. An ihrem See wohnten auch Menschen in großen, eckigen Dingern aus Stein, aus denen oben Rauch heraus kam, der stank. Und manchmal kamen die Menschen auf den See in schmalen, langen Dingern und stecken Stöcke ins Wasser.

Also war eine Stadt auf jeden Fall etwas, das stank. Nyfiken stellte sich vor, wie überall diese stinkenden, lauten Dinger herumrollten und die Menschen in die eckigen Steindinger stapften, aus den stinkender Rauch herauskam. 

Am frühen Morgen flogen die Scharen, die über die große Stadt und das kleine Wasser fliegen wollten, fort von der Küste in das Innere des Landes. Die Scharen mit halberwachsenen Gänsen oder solchen, die keine Jungen führten, folgten der Küste. Das Ziel von Vilja und Hjelper war der See Hurdalssjøen, der noch nördlich der großen Stadt lag. Dort würden sie die Nacht und den folgenden Tag verbringen und dann in der Nacht über die Stadt und das kleine Wasser fliegen.

Der Flug über Oslo

Am Nachmittag erreichten sie den See, badeten, dösten auf dem Wasser, fraßen frisches Gras, flogen ein paar Runden, landeten wieder auf dem Wasser. Die Nacht war ruhig und Nyfiken schlief tief und fest bis nach Mitternacht. Dann wachte sie auf, weil hoch am Himmel andere Vögel riefen, die auf der Reise waren. Sie hörte Lieder und Gelächter, Rufen und Antworten. Sie betrachtete den Himmel, das waren die Sternbilder, die den Winter kündeten: Orion, der Himmelsjäger, stand am Horizont; das geflügelte Ross Pegasus war hoch über ihr. Und da waren Kassiopeia und der verwaschene Flecken der Andromeda. Die Gänse hatten keine Namen für die Sternbilder, aber Nyfiken kannte sie – die Kassiopeia wies die Richtung zum Kebnekaise, der Adler zeigte die Richtung der Weiterreise an. Staunend sah sie Sternschnuppen fallen, horchte, schnupperte, nein, das war keine Gefahr. Und über ihrem Staunen schlief sie wieder ein.

Den ganzen nächsten Tag verbrachten sie hier. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel, aber es wurde merklich kälter und der Wind frischte auf. Andere Gänsescharen kamen, nicht nur von ihrer Art. Es waren auch die großen Saatgänse dabei, die einen langen Weg aus dem hohen Norden hinter sich hatten. Sie grüßten freundlich und mischten sich unter die kleineren Verwandten. Einige waren bekannt mit Vilja und Hjelper, es war ein großes Willkommen und ein endloses Erzählen. Nyfiken hielt sich dicht an die Erwachsenen, sie war zu neugierig!

Auch Gänse mit schwarzen Köpfen und weißen Wangen, kleiner als die Grauen, gesellten sich dazu. Vilja erklärte später, dass es Weißwangengänse waren, die aus dem eisigen Spitzbergen und aus dem äußersten Norden kamen. „Ihr habt es gut,“ erzählte sie, „ihr könnte aus dem Nest einfach auf die Wiese spazieren und zum See laufen. Die Kinder der Weißwangengänse werden ganz hoch auf einer steilen Klippe geboren. Kaum dass ihr Dunengefieder trocken ist, springen sie von dort herunter.“ Nyfiken und ihre Geschwister waren entsetzt und betrachteten die kräftigen jungen Weißwangengänse mit Respekt und Ehrfurcht. Aber die waren lustig und fröhlich und fanden keinesfalls, dass dieser  Sprung etwas Besonderes war. Sie wollten lieber hören, was die Graugänse über die Menschen erzählen konnten und fanden kein Ende beim Fragen nach Straßen und Eisenbahnen und wieso es da unten so hell war, mitten in der Nacht.

Als es Abend wurde, fanden sich die Familien wieder und besprachen, wer heute Nacht fliegen würde und wer hier blieb. Man verabschiedete sich, verabredete Treffpunkte und dann ging es für Vilja und Hjelper und ihre Kinderschar zusammen mit vielen, vielen anderen Familien los. Nach Süden.

Der Nordwind war stärker geworden, er brachte Kälte und den Geruch nach Schnee mit sich. Der Himmel war klar, die Sternbilder des frühen Winters erstrahlten deutlich. Das lange Band der Milchstraße zog sich quer über den Himmel und mittendrin flog der majestätische Schwan in ihre Richtung: nach Süden. Nyfiken sah immer wieder zu ihm hoch, sie stellte sich vor, dass er ihnen vorausflog und die Richtung wies.

Bald erstrahlte in der Ferne am Boden ein heller Fleck, wurde größer, heller, lauter. Die jungen Gänse rückten dichter zusammen, aber die Eltern flogen zielstrebig weiter. Gefahr schien nicht zu drohen, trotz des Lärms von unten, trotz der grellen Lichter und des Gestanks. „Das ist Oslo,“ rief Hjelper und ließ sich zurückfallen. Er reihte sich in die Schar seiner Kinder ein. „Die große Stadt der Menschen. Es ist ungefährlich, wenn wir hoch darüber fliegen. Fürchtet Euch nicht!“ Von allen Seiten hörten sie die älteren Gänse rufen „Fürchtet Euch nicht!“ und sie flogen, flogen über die große Stadt, die kein Ende zu nehmen schien.

Dann war sie plötzlich zu Ende. Das Licht war weg, es erlosch nicht langsam, es war weg. Nyfiken fand das seltsam. Anfangs war das Licht und der Lärm langsam angestiegen, schwoll zu einem Inferno und jetzt war es dunkel und still. Hjelper erklärte ihr, dass die große Stadt an der Küste lag und die Menschen nur auf dem Land sein konnten. Wasser war immer das Ende von Licht und Lärm und Gestank und den Menschen. Auch das fand Nyfiken seltsam, warum schwammen die Menschen nicht im Wasser?

Sie flogen hinaus auf den Oslofjord, weiter und weiter bis zum Kleinen Wasser. „Das ist das Meer“, rief Hjelpe. „Und vor uns seht ihr bald das nächste Land.“ Bald hörten sie wieder den vertrauten Gesang „Schaut genau hin!“ Und sie schauten genau hin, hinter sich das bergige Land voller Fjorde und Gletscher, vor sich eine flache, schmale Ebene. „Schaut genau hin! Das ist Jütlands Küste, schaut genau hin!“

„Wir bleiben heute im Limfjord“, bestimmte Vilja. „Ich will mit den Kindern am Morgen nach Rømø fliegen. Sie sollen das Wattenmeer und die Inseln im hellen Sonnenschein sehen.“ Andere Scharen flogen in der Nacht weiter, sie wollten schnell die Inseln im Wattenmeer erreichen. Ihnen war es egal, ob man in finsterer Nacht oder am hellen Morgen ankam – Hauptsache, diese Reise fand ihr vorläufiges Ende und sie waren in Sicherheit auf einer Hallig oder einer Insel oder auf dem endlosen Deich.

Vilja und Hjelme flogen nur noch ein kurzes Stück und landeten dann im weitläufigen Limfjord, der den Nordteil Dänemarks vom Festland trennt. Viele der Scharen, die schon viel weiter aus dem Norden geflogen waren, rasteten hier ebenfalls mit ihrer Kinderschar. So war der Limfjord bald bevölkert von Graugänsen vom Kebnekaise oder von der Nordspitze Norwegens, von Weißwangengänsen aus Sibirien und den Zwerggänsen aus Spitzbergen, auch die großen Bless- und die dunklen Saatgänse gesellten sich mit ihren Kinderscharen dazu. Ein paar Scharen Graugänse kamen aus Finnland und nannten sich nach dem finnischen Namen „Metsähanhi“ – das heißt Waldgänse. Denn in Finnland brüteten die Graugänse nicht auf weiten, offenen Grasflächen, sondern an verborgenen Waldseen.

Nyfiken fand das alles spannend, Sie schwamm im Limfjord mit den anderen Gänsen und hörte fremde Sprachen, lauschte den Erzählungen der jungen Gänse aus Spitzbergen über Eisbären und Rentiere, staunte immer noch über den  Sprung der jungen Weißwangengänse hoch von den Klippen und ließ sich von einer jungen Tundra-Saatgans erzählen, wie die baumlose Tundra aussieht.

 

  

Kindertage einer Graugans (1)

Neugieriges kleines Gänsemädchen

Laja ist eine Graugans aus dem berühmten Geschlecht der Akka von Kebnekaise, die den in einen Kobold verwandelten Nils Holgersson in ihrer Schar geduldet hat. Aber das ist eine andere Geschichte, die man in Ruhe hören muss.

Der Kebnekaise ist der höchste Berg Schwedens. Er ragt zweitausend Meter in den Himmel, seine Doppelspitze ist karg und von Gletschern gekrönt. Rund um den Kebnekaise gibt es große Seen und eine weite Landschaft mit nahrhaftem Gras.

Laja ist am langgestreckten See Laukkujärvi südlich vom Kebnekaise Ende April aus dem Ei geschlüpft. Ihre Mutter ist Vilja, die Gütige, und ihr Vater heißt Hjelpe. In diesem Jahr hatten die beiden acht eigene Küken und dazu noch drei Küken von Viljas ältester Tochter. Elf Küken schwammen in einer Reihe hinter der Mutter her, Hjelpe bildete den Schluss und bewachte stolz seine große Schar. Von nah und fern grüßten die Gänse ihn, neigten die Hälse und bewunderten Vilja und ihn.

Der Frühsommer war mild und sonnig, frisches Gras spross an den Ufern und die kleinen Gänse wurden von ihren Eltern zu den nahrhaftesten Stellen geführt. Sie probierten die Spitzen der Gänseblümchen, fraßen nur die feinsten Gräser, versuchten junge Kräuter und wuchsen dabei prächtig. Bald hatte jedes sein Lieblingsgras oder -kraut. Hjelme stand mit hoch erhobenem Kopf da und beobachte die Umgebung. Kein Fuchs, kein Adler sollte seinen Kindern zu nahe kommen. Die Gänschen lernten, auf den Warnruf von Vater oder Mutter schnell Schutz bei den Eltern zu suchen und regungslos auf die Entwarnung zu warten. An Land drückten sie sich fest an den Boden und wagten kaum, zu atmen. Auf dem Wasser drängten sie sich eng an die Eltern, zogen die Köpfchen ein und lugten vorsichtig nach der Gefahr.

Noch hatten die Gänsejungen keine Namen. Ihre Eltern rufen sie „poijke“ (Bübchen) oder „flicka“ (Mädel). Ihren richtigen Namen bekommen sie erst später, sie müssen ihn verdienen. So hat Hjelpe seinen Namen bekommen, weil er einen Knoten gelöst und einen jungen Ganter von einem Strick befreit hat. Ein wahrer Helfer, fanden die Gänse, und gaben ihm seinen endgültigen Namen „Hjelpe, der Helfer“. Vilja hat gleich in ihrem ersten Jahr als Mutter ein verwaistes Entenküken in ihre Schar aufgenommen und ihm alles beigebracht, was es wissen musste. Sie half, wo sie konnte und bekam schon als ganz junge Gans den Name „Die Gütige“.

Abends wurde bei den Gänsen immer viel erzählt: von den langen Reisen, die sie im Frühjahr und Herbst unternahmen, von den Inseln im Wattenmeer und dem großen Elbestrom, von den Windrädern, die man umflog und natürlich von der ehrwürdigen Akka von Kebnekaise und ihrer Reise mit Nils Holgersson. Es wurde geschnattert bis endlich alle müde wurden und die Köpfe unter den Flügeln bargen.

„Können alle Menschen mit uns reden?“ wollte eine kleine Gans wissen. „Werden wir auch Menschen treffen, die sich mit uns unterhalten?“

Vilja betrachtete das Küken und lächelte. „Liten nyfiken tjej, kleines neugieriges Mädchen. Nein, wir werden keine Menschen treffen, die uns verstehen. Es sei denn, es wurde wieder ein ungezogener kleiner Menschen-Bub in einen Kobold verwandelt. Nur Kobolde und Wichtel können mit uns reden. Menschen verstehen uns nicht.“

„Treffen wir Kobolde?“

„Wir werden Wichtel treffen auf unserer Reise. Sie fliegen gerne mit uns und wir nehmen sie gerne mit. Sie wissen viel und berichten uns, was in der Welt der Menschen alles passiert.“

„Wann treffen wir die Wichtel? Wo leben sie? Wie heißen sie? Nehmen wir auch einen mit? Und …“

Vilja lachte herzlich, so viele Fragen auf einmal. Von dem Tag an nannten alle die neugierige kleine Gans Nyfiken. Aber das war noch nicht ihr endgültiger Name.

Der erste Flug

Nyfiken wuchs mit ihren vielen Geschwistern, Cousinen und Cousins heran, schwamm mit den Eltern, Tanten und Onkeln auf dem See und wurde größer und kräftiger. Die Tage wurde länger und länger und bald ging die Sonne gar nicht mehr unter. Sie stieg vom Horizont hoch an den Himmel, neigte sich wieder dem Horizont zu und noch bevor sie dahinter verschwinden konnte, stieg sie wieder hoch. Das ist der Polartag, den es nur ganz im Norden gibt. Das geht am Kebnekaise so von Juni bis Ende Juli.

Anfang Juni war das weiche, flauschige Dunenkleid schon verschwunden und durch grau-braune Jugendfedern ersetzt worden. Alle Geschwister übten fleißig, mit ihren Flügeln zu schlagen und bald fühlten sie den Wind unter den Schwingen. Mitte Juni war es soweit: Nyfiken fühlte, dass sie heute das erste Mal fliegen würde. Sie schlug mit den Flügeln und dann lief sie los. Die Wiese war weich unter ihren Füßen, der Wind griff milde unter ihre Federn, sie lief, lief, lief und dann schwebte sie! Erschrocken sah sie nach unten. „Schlag mit den Flügeln“, rief ihr Vater, „schlag, schlag!“ Und sie schlug und flog und schlug und flog. Ihr Herz machte einen Hüpfer! Sie flog! Sie flog! Der Wind rauschte in ihren Federn, griff unter ihre Flügel, ihr Herz pochte.

„Und wie komme ich jetzt wieder runter?“ bang sah Nyfiken nach unten. Da hörte sie einen ruhigen, kräftigen Flügelschlag, ihr Vater flog dicht neben ihr. „Schlagen,“ sagte er ruhig. „Atmen, schlagen, atmen, schlagen. Nach vorne gucken nicht vergessen. Mein kleines Mädchen macht das gut.“ Nyfiken musste an so viel denken: schlagen, atmen, nach vorne gucken, schlagen, weiter schlagen. „Papa, wie komme ich runter?“

Er schaute vergnügt zu ihr herüber und gluckste leise. Das war auch seine Angst beim ersten Flug gewesen. „Kippe die Flügel ein wenig nach hinten, nur ganz wenig. Jetzt drehen wir zusammen nach links. Langsam, sachte, sachte. Jetzt die Füße vorstrecken, weit nach vorne.“ Nyfiken versuchte es, eine kleine Kurve gelang ihr, ihr Vater war dicht neben ihr und sie wurde langsamer, sie sank. Mit vorgestreckten Füßen kippte sie automatisch nach hinten. „Wir landen auf dem See,“ hörte sie ihren Vater sagen. Es rauschte in ihren Ohren, das Wasser kam näher, das Wasser war vertraut, sie liebte das Wasser … wuuuuusch! Sie war im Wasser, prustend und schnaubend und glücklich. So glücklich! „Papa, Mama! Ich bin geflogen! Geflogen!“

Kleine Freunde, große Freunde

Lilla röd, das muntere Rotkehlchen mit der roten Brust, sang lautstark von einer kleinen Fichte über Nyfikens ersten Flug. „Sie ist geflooooogen! Gratuliere!“, schmetterte sie, „Gratuliiiiiieeere! Das war ein sehr schöner Flug.“ Ihre Brustfedern sträubten sich vor lauter Freude und ihre Flügel zitterten leicht. Mit schwarzen glänzenden Augen sah sie zu ihrer großen Freundin herunter. „Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis ihr fortfliegt.“

„Kommst Du mit?“, wollte Nyfiken wissen. Aber Lilla röd sträubte ihre Feder und schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Ich komme nach, wenn ich hier keine Beeren mehr finde. Wenn der Schnee ganz hoch liegt und der Wind vom Kebnekaise fegt. Dann fliege ich mit meinen Freunden auch fort.“ Lilla röd versprach, dass sie sich im Winter sehen würden. Sie war schon im letzten in einem kleinen Dorf an der Küste gewesen und hatte es sich im Garten eines Reetdachhauses gut gehen lassen. Jetzt schwärmte sie Nyfiken von Beeren vor, die dort wuchsen und von freundlichen Menschen, die extra weiche Haferflocken – „ganz in Öl getränkt!“ – auslegten.

„Chirrrrrp! Drrrrriddddl! Gut bissssst Du geflogen! Trrriiii! Wirrrrr haben Dich gesssssehen!“ riefen die Mehlschwalben von hoch oben. Eine flitzte ganz nah an Nyfiken vorbei, sauste hoch, tauchte wieder herab und landete schließlich in der Nähe von Lilla röd auf einem Zweig. „Wirrrrrrr fliegen bald ab, einige meiner Kusinen sind schon vorrrrrrrrrrr zzzzzzwei Tagen fort.“ „Wo fliegt ihr hin, sehen wir uns im Winter?“ fragte die Graugans. Aber die Schwalbe lachte, sie flogen viel, viel weiter. Über das kalte Land, dann hoch über das Schneegebirge, hinunter zum großen Fluss, über das warme Meer, über das heiße baumlose Land, bis zu den feuchten und immer warmen Grasebenen. Nyfiken machte große  Augen, das konnte sie sich nicht vorstellen. „Wie findet ihr dahin? Und findet ihr den weiten Weg wieder zurück zum Kebnekaise?“ Nyfiken sah ängstlich ihre kleine Freundin an. Die zuckte aber nur mit den Flügeln. „Wirrrrr wisssssen esssss.“ Aber erklären konnte sie es nicht. Sie wussten einfach, wohin sie fliegen mussten, wie lange sie unterwegs sein mussten und wann sie angekommen waren.

„Ich, ich, ich komme zu Euch, juchhe!“ tirilierte ein Buchfink. „Hier, hier, hier wird es kalt, so kalt.“ Eifrig nickend trippelte er auf einem waagerechten Ast hin und her. „Tik! Tik! Hört Ihr mich? Ich fliege auch in die Gärten am Meer. Tik! Tik!“ Seine rote Brust leuchte in der Sonne, die weißen Abzeichen auf den Flügeln blitzten. Er sah schmuck aus, der junge Buchfink-Mann. Und das sang er auch jeden Tag viele Male „Hab, hab, hab ich nicht so schöne Farben!“ oder „Schau, schau, schau, ich bin ein schöner Mann!“

Nyfiken lächelte über den aufgeregten Buchfinken. „Das ist fein, dann sehen wir uns ja vielleicht im Winter. Wisst Ihr, wer sonst noch fliegt?“ Lilla röd zählte auf: die Bergfinken flogen meistens, aber die kleinen Blau- und die großen Kohlmeisen blieben hier, auch der bunte Specht blieb. Der Rotschwanz mit seiner Familie, alle Schwalben, die winzigen Zaunkönige und die so wunderschön singende Singdrossel zogen aber alle nach Süden. Manche blieben in der Nähe, so wie Lilla röd, das Rotkehlchen. Andere zogen weiter, wo es wärmer war. Zum Mittelmeer, so sagte man – was immer das für ein Meer war. Jedenfalls war es wärmer, viel wärmer als hier. Einige wenige flogen so weit wie die Schwalben, der Kuckuck gehörte auch dazu.

Und manchmal machten sich die prächtigen bunten Seidenschwänze auf den Weg nach Süden, dann liefen die Menschen zusammen und bewunderten die wunderschönen Vögel. Stahlgrau das Gefieder, leuchten gelb die Schwanzspitze, schwarze Augenbinden und eine schwarze Kehle, eine rostrote Brust – ach, so schön! Nicht nur die Menschen schwärmten die Seidenschwänze an, ihnen flogen auch die neidischen Blicke der unscheinbaren Vögel zu und so manch ein junges Reh träumte davon, auch so, so, so schön zu sein.

Nyfiken dachte lange darüber nach, wie das sein würde, wenn so viele abflogen. Dann würde es hier sehr still werden. Das war traurig für die Tiere, die hierblieben. Wenn sie vor dem Abflug noch Stor Fot, das Rentier, treffen würde, wollte sie ihn fragen. Stor Fot hieß so, weil er als junges Ren mit seinen großen Füßen fast eine brütende Gans aus Viljas Schar platt getreten hätte. Die hatte mächtig geschimpft, ob er nicht achtgeben könne, der Rüpel! Sie konnte gar nicht mehr aufhören, sie aufzuregen. Stor Fot hatte sich sehr geschämt, dass er so unachtsam war und sich ganz oft entschuldigt. Er wurde ganz rot, seine Nase wurde rot, so sehr schämte er sich. In Zukunft war er ganz besonders achtsam, wohin er seine Füße setzte und jedes Mal, wenn er sie ansah, schämte er sich wieder über seine großen Füße. So wurde er unter den Graugänsen von Viljas Schar bekannt als „das freundliche junge Rentier mit den großen Füßen“. 

Wie sich wohl alle zurechtfinden würden? Der junge Kuckuck zum Beispiel flog ganz alleine, davor gruselte sich Nyfiken ordentlich. Sie war immer in der Schar und Mama und  Papa und die ganzen anderen Gänse sorgten dafür, dass sie richtig flogen.

Aber Herr und Frau Kuckuck waren schon seit einigen Wochen fort. Sie hatten ihren Sohn bei den Gartenrotschwänzen aufziehen lassen. Alle lachten über die Gartenrotschwänze, die ganz winzig gegenüber dem dicken großen Kuckuckskind aussahen. Soviel Futter wie ihr Pflegling brauchte! Das konnten die zwei kaum herbeischaffen. Trotzdem waren sie stolz auf ihren „Sohn“. Oft saß Vater Gartenrotschwanz auf einem Busch und sang ein Lied über seinen wundervollen Sohn.

Der junge Kuckuck saß jetzt alleine auf einem Ast, bettelte immer noch seine Pflegeeltern an und wartete darauf, dass er kräftig genug zum Abflug wurde. Er übte das Fliegen genauso wie die jungen Gänse, schlug kräftig mit seinen grauen Flügeln und putzte sorgfältig sein Gefieder. Bei seinen ersten Übungsflügen flüchteten alle kleinen Vögel in Deckung, denn er sah mit seinen spitzen, sichelförmigen Flügeln wie ein gefährlicher Greifvogel aus. Wenn er bereit war, würde er ganz alleine seinen Weg finden. Über das Land, das Meer, das trockene Land – Nyfiken schüttelte sich und schwamm eilig zu ihrer Familie.